Berichte aus Lesbos Dezember 2015

Im Gottesdienst am 1.Advent wurde Jens Engel für seinen Einsatz in Griechenland gesegnet. Er braucht auch weiterhin Gebet und finanzielle Unterstützung. Über seine Pläne schreibt er:

 

Am 29. Oktober 2015 zeigte das heute-Journal einen Beitrag über die Insel Lesbos; jener griechischen Insel, die nur 10 km vom türkischen Festland entfernt ist. Täglich landen dort Boote an, die überfüllt sind mit Flüchtlingen. Sie werden von Einheimischen und Freiwilligen aus aller Welt versorgt und betreut – doch große Hilfsorganisationen sucht man vergeblich am Strand von Lesbos.

 

Im Beitrag des heute-Journals wurden Bilder gezeigt, von durchnässten und frierenden Menschen. Und von Kindern, die die Kälte nicht so einfach kompensieren können, sondern wiederbelebt werden müssen.

Wer ein wenig im Internet recherchiert, erkennt auf Lesbos eine humanitäre Katastrophe – die Leichenhäuser sind längst voll. Doch die Flüchtlinge werden weiter kommen. Wassertemperaturen zwischen 15 und 20°C sind nicht abschreckend genug und doch lebensgefährlich kalt. Vor Ort werden auch weiterhin helfende Hände aus aller Welt gebraucht.

 

Mein Name ist Jens Engel, ich bin Rettungsassistent und Sozialarbeiter und wohne seit März 2014 in Hostrup. Bei diesen Zuständen und Bildern möchte ich nicht länger Zuschauer sein.

Deshalb habe ich bei meinem Arbeitgeber, der Stadt Flensburg, Sonderurlaub eingereicht und werde mich vom 7. Dezember bis Ende Februar auf Lesbos engagieren.

 

Konkret möchte ich den Menschen mit meinen Kenntnissen aus dem Rettungsdienst zur Seite stehen. Als Sozialarbeiter kann ich Flüchtlinge wie Helfer in persönlicher Not ein Stück begleiten. Und als Mensch möchte ich anpacken, wo immer Hilfe gebraucht wird.

 

Mein Sonderurlaub ist unbezahlt. Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung sowie notfallmedizinisches Material, das ich mitnehme, trage ich aus eigenen Rücklagen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich mit einer kleinen Spende unterstützen würden. Gerne stehe ich Ihnen für Fragen zur Verfügung – Sie können mich unter der Telefonnummer 04603/4329885 erreichen.

 

 

Die Kirchengemeinde Havetoft hat einen Unterstützungsfonds für diese Arbeit eingerichtet und kann Spendenbescheinigungen ausstellen. Wenn Sie helfen möchten, überweisen Sie bitte an

 

Kirchenkreis SL-FL

IBAN: DE49 2175 0000 0000 0688 88 BIC: NOLADE21NOS

 

Verwendungszweck: „3700/3310.02200 Jens Engel

 

 

Vorwort

 

Bevor ich mich auf den Weg nach Lesbos machte, habe ich noch einmal kurz mit Jörg Arndt zusammen gesessen. Wir haben überlegt, wie man die Menschen zuhause an meinen Erfahrungen und Erlebnissen teilhaben lassen kann. Schnell hatten wir die Idee eines Blogs, welche ich, hier angekommen, auch genauso schnell wieder verworfen habe. Zum einen ist mein Laptop nicht mehr der schnellste, das Internet ist aber noch viel langsamer und instabiler. Ich werde also meine Erlebnisse und Gedanken in ganz normalen Worddokumenten festhalten, die dann chronologisch über die Homepage der Kirchengemeinde Havetoft abgerufen werden können.


 

Die gesamte Situation auf Lesbos ist sehr unübersichtlich und chaotisch. Täglich ändert sich die Lage. Kaum hat man im Norden eine gute Ankommensstruktur geschaffen, mit Stationen zur Erstversorgung, Übergangscamps etc. fahren türkische und griechische Küstenwache wieder Patrouille. Jetzt nehmen die Flüchtlinge die längere Route in den Süden. Immer wieder ändert sich die Situation und man bekommt mehr als eine widersprüchliche Information.


 

Es ist also eine Aufgabe, mich nicht zu verlieren und eine andere, die Lage hier möglichst nachvollziehbar zu beschreiben. Dabei wird das allgemeine Chaos sicher auch Einfluss auf meine Gedanken und mein Schreiben haben. Zeiten werden durcheinander gehen und Aussagen sich widersprechen. …

Das ist die Realität auf Lesbos.


 

07.12.2015 – Auf dem Flug nach Athen


Ich sitze im Flieger nach Athen. Dort habe ich 15 Stunden Aufenthalt, bevor es morgen weiter nach Lesbos geht. In den letzten Tagen habe ziemlich viel zur Flüchtlingskrise auf der Insel recherchieren können und zumindest herausgefunden, dass es nach wie vor chaotisch ist. Die Lage ändert sich Tag für Tag. Dank Facebook, Twitter und Co, folgen die freiwilligen Helfer den Notrufen, die sie dort lesen. Die Nordküste, wo die meisten Flüchtlinge anlanden, scheint ausreichend versorgt. Im zentralen Hot Spot, Moria, mitten auf der Insel, kämpfen einzelne Freiwillige mit den Massen von Flüchtlingen und ihren Nöten. Da das Lager längst voll ist, werden keine Menschen mehr hineingelassen. Viele Flüchtlinge verbringen deshalb Tage und Nächte draußen, bei Temperaturen unter 10°C. Oftmals nur mit einem absoluten Minimum an Essen und Trinken. Doch mittlerweile scheint sich die Situation dort ein wenig zu verbessern. Doch eine zentrale Koordination gibt es nach wie vor nicht.


 

Das allgemeine Chaos steckt an; so ist auch meine Unsicherheit in den letzten Tagen stetig gestiegen. Auch, weil ich bestimmte Muster sehe, die ich schon aus der Entwicklungs-zusammenarbeit kenne. Man findet im Internet Artikel über die Helfer, die auch ein anderes Bild zeichnen: So soll es eine Konkurrenz um ankommende Boote geben und um die schrecklichsten Bilder. Einzelne Gruppen haben sich gebildet und sind nun so etwas wie eine kleine organisierte Initiative. Alle mit ihren Unterstützern und Spendern zuhause und überall in der Welt. Deshalb ist auch eine Gesamtkoordination schwierig. Obwohl viele diese gut finden würden, hieße es doch auch Kompetenzen abgeben.

In Onlineartikeln findet man auch den Vorwurf, dass Freiwillige sich bloß engagieren würden, um ihr eigenes Ego aufzupolieren. Manche Reaktionen auf Facebook könnte man in die Richtung „getroffener Hund bellt“ interpretieren, aber eigentlich steht hinter dieser Diskussion doch vielmehr die Frage, ob der Mensch selbstlos sein kann oder in all seinen Taten ein Stück Eigennutz steckt.

Und wenn es so wäre, was daran wäre so falsch? Geht es nicht um das Ergebnis? Das sind Fragen, die mich im Moment der Unsicherheit umtreiben.

Doch manchmal bin ich mir auch bei einer Sache sicher. So weiß ich, dass ich nicht für eine irische Organisation arbeiten möchte, die dort einen Teil der medizinischen Notfallversorgung sicherstellt. Der Gründer dieser Organisation bezeichnet sich selbst als „rechtsgerichteten Revolutionär, der daran glaubt, mit Technik Gutes tun zu können“. Tatsächlich ist dies eine Einstellung, die mir durch meine Beschäftigung mit dem Thema Nothilfe des Öfteren begegnet ist. Viele, die sich in der Humanitären Hilfe engagieren, verstecken sich hinter Technik und vergessen, dass es eigentlich immer um Humanität geht. Meine Erfahrung ist jedoch, dass Menschen in Not Menschen brauchen, die ihnen auch als Mensch mit einer Profession begegnen. Was sie in den wenigsten Fällen brauchen sind reine Rettungstechniker.


Mir wäre es sehr lieb, wenn ich in all den Debatten ein bisschen mehr Reflexion finden würde. Aber dies ist wohl das Wunschdenken des Politikwissenschaftlers in mir. Ich werde mich also mit vielen Dingen arrangieren müssen, weil es um das Ergebnis geht – und bei manchen Dingen hoffe ich, dass ich rechtzeitig erkenne, wenn ich mich verkaufen würde. Pastor Jörg Arndt hat mir dazu ein kleines Gebet mitgegeben, dass ich hierfür sehr passend finde: Gott möge mir nicht nur Türen öffnen, sondern auch bestimmte verschließen.


Erst einmal freue ich mich aber, dass ich zumindest ein paar Telefonnummern und Emailkontakte auf Lesbos bekommen habe. Dort angekommen, wird es also erst einmal darauf ankommen, eine Unterkunft für ein, zwei Tage zu finden, von wo aus ich mich organisieren kann. Ob es nach Norden an die Küste geht oder ins Landesinnere zu den Camps, das wird sich dann zeigen. Trotz aller Fragen freue ich mich auch und hoffe, mit meinem Menschsein und meiner Profession helfen zu können.

08.12.2015 – Panagiouda

Es gibt ein wenig Klarheit. Gestern Nacht bin ich in Athen gelandet, habe dort die Nacht und den halben Tag verbracht. Ich konnte die Zeit nutzen, um weiter zu recherchieren – am Flughafen gibt es frei verfügbare Computer mit schlechtem Internetzugang. Doch auch so wurde deutlich, dass der Norden der Insel mit Helfern gut versorgt ist. Doch von den Freiwilligeninitiativen im Landesinnern, die ich angeschrieben hatte, auch weiterhin keine Rückmeldung.


Um 15:00 Uhr bin ich dann auf Lesbos gelandet. Sonnenschein und ein angenehm mildes Klima. Zusammen mit den vielen hochgestylten Griechen mochte man gar nicht an irgendwelche Krisen – ob drohender Staatsbankrott oder Flüchtlinge – glauben. Doch es liefen mir auch drei Deutsche über den Weg, die ein gemietetes Auto mit Werkzeugen und Hilfsgütern vollstopften. Grünhelme, die im Norden ein Lager winterfest machen. Das Auto war so voll, dass ich nicht mehr reinpasste.

Auf der Landkarte und im Netz hatte ich mir Panagiouda, ein kleines Dorf nördlich der Hauptstadt Mytelini, als erste Station ausgesucht. Nach ein paar Telefonanrufen (die SIM-Karte hatte ich mir schon in Athen besorgt) hatte ich ein Zimmer. Leider ein Fünfbettzimmer für 50€, aber das einzige was sich gerade organisieren ließ. Ich ließ es mir reservieren und machte mich trampend auf den Weg.

Drei junge Griechen nahmen mich mit. Sie erklärten mir, dass die türkische und griechische Küstenwache mittlerweile wieder Patrouille fuhren und deshalb im Norden kaum mehr Flüchtlinge ankamen. Dafür im Süden in der Gegend um Mytelini, meistens bei Nacht, da die hier die Polizei durch die städtische Struktur wesentlich präsenter ist. Im Ergebnis würde das jede Menge Leichen bedeuten, da die Überfahrt länger dauert und die Temperaturen kälter sind. Auch gibt es im Süden keine durchorganisierte Ankunft, da hier Camps nicht gerne gesehen sind und von der Polizei schnell geräumt werden. Dass bedeutet, dass, wenn ich hier im Süden bleibe, mein Handeln auch eine ganz konkrete politische Dimension haben wird.

 

In Panagiouda angekommen machte ich mich auf den Weg zum Studios Cosmopolitan, wo ich mein Zimmer habe. Mag das kleine Dorf zur Touristenzeit noch reizvoll wirken, ist es jetzt doch ziemlich herunter gekommen und trostlos – am Straßenrand das erste Igluzelt mit Klamotten davor auf einer improvisierten Wäscheleine. Hier wurde es ziemlich deutlich, wie sich in Panagiouda beide Krisen die Hand geben.

 

Die Wirtin meiner Pension ist sehr nett. Morgen wird ein Einzelzimmer frei, dass nur 35€ kostet. Erst einmal richtete ich mich aber im Fünfbettzimmer ein. Als ich den Laptop einschalte, habe ich eine Nachricht von Polly, die beim Camp Moria arbeitet. Das Camp Moria ist ein so genannter Hot Spot und wird vom UNHCR betrieben. Doch es ist überfüllt und vor dem Camp hausen mehr Flüchtlinge als drinnen – oft schutzlos der Natur ausgeliefert. Polly hatte ich vor einer Woche angeschrieben und sie fragte mich nun, ob ich vorbeikommen könne und mit die Nachtschicht übernehmen würde. Doch mir stecken noch die zwei Flugtage in den Knochen und es musste auch dringend etwas zu essen organisiert werden. Ganz zu schweigen von den Bin-da-mir-geht’s-gut-Mails.

 

Als ich so am Computer sitze, klopft es an der Tür: Es ist die Wirtin, die mich fragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie noch drei Leute bei mir einquartieren würde. Hinter ihr stand eine junge Frau, die sich als Koordinatorin von Health Point Project (HPP) vorstellte. Drei ihrer Leute würden evtl. heute Nacht aus dem Norden kommen – für sie suchte sie noch eine Unterkunft. Natürlich habe ich nichts dagegen und bin gespannt, ob die drei heute Nacht hier aufschlagen. HPP hatte ich auch angeschrieben aber nie eine Antwort erhalten. Als sie den Notfallrucksack sah, fragte sie nach. Nun werde ich mich morgen nicht nur bei Polly sondern auch bei HPP vorstellen. Beide Freiwilligen-Organisationen sind um das Camp Moria aktiv.

 

Es klopft schon wieder. Liz, eine amerikanische Freiwillige, fragt mich, ob ich ab morgen ein Bett frei habe. Ich habe keine Ahnung, sollten aber die anderen nicht auftauchen, selbstverständlich … denn das Einzelzimmer ist schon wieder weg. Liz kann mich aber auf alle Fälle morgen zum Camp Moria mitnehmen – eine Sorge weniger und ich hoffe, dass es mal eine gültige Aussage ist.


Während ich gerade den Tag revue passieren lasse, merke ich, wie kalt es wird. Die Nachttemperaturen liegen um die 6°C. Ich habe undichte, einfach verglaste Fenster und keine Heizung – die Kälte kriecht in das Zimmer. Wie kalt muss es jetzt wohl auf einem Flüchtlingsboot sein?

Panagiouda – 10.12.2015

Lesbos, Tag 3.

Vieles hat sich geklärt, Entscheidendes noch nicht.

Meine Unterkunft ist immer noch prekär. Nicht, dass ich kein Zimmer hätte, aber es ist ein 5-Bettzimmer für 50 Euro pro Tag. Etwas anderes gibt es im Moment nicht in Panagiouda. Da das Zimmer aus zwei Räumen (sogar mit kleiner Pantryküche) und drei Betten besteht, wäre es ideal geeignet für eine vorübergehende WG.

Das ganze wird über eine spezielle Gruppe auf Facebook koordiniert und schon dreimal haben sich Leute angekündigt, sind dann aber nicht aufgetaucht. Georgia, die Wirtin macht ähnliche Erfahrungen. Sie hat zwei Einzelzimmer mit Flüchtlingen belegt, die jeden Tag sagen, dass sie „morgen“ abreisen, … nur um dann doch zu bleiben. So sitze ich in einem leicht überdimensionierten Zimmer und bin ein wenig frustriert über die flexible Kommunikationsgesellschaft, in der Zusagen nur wenig zu gelten scheinen.

Das Erzählen dieser Begebenheit ist auch ein Versuch, etwas an der Situation zu ändern. Erfahrungsgemäß werden Aussagen hier widerlegt, in dem Moment wo man sie ausspricht.


In einer kurzen Email-Unterhaltung mit Jörg Arndt bat er mich, ein paar Fotos beizufügen, „Für's erste ein bisschen Lokalkolorit“. Als ich überlegte, wie man so fotografisch sanft in das Thema einsteigen konnte, wurde mir klar, dass dies gar nicht möglich ist. Denn hier ist die Flüchtlingskrise überall und überlagert jeglichen Lokalkolorit.

Wenn ich zu dem zentralen Lager Moria gehe, ist der Weg gesäumt von Wasserflaschen, Kleidung, Rettungsdecken, Essensresten. Auf diesem Weg hatte ich eine Begegnung mit einer alten Griechin und es hätte ein typisches Urlaubsfoto werden können. Sie freute mich zu sehen, kam zu mir, umarmte mich und dankte mir, dass ich da sei. „Everywhere are refugees. But we are all the same people. Why it is like this!?“ (Überall sind Flüchtlinge. Aber wir sind alle Menschen und gleich. Warum ist es so!?)

Jeder hier ist irgendwie betroffen, ein ruhiges normales Leben (wie es zur Winterzeit auf Lesbos normalerweise wäre), gibt es so nicht. Stattdessen gibt es eine Normalität unter den Bedingungen der Flüchtlingskrise.

Übrigens fotografiere ich noch analog, muss mir also noch eine Digitalkamera für ein paar Fotos ausleihen … sie kommen aber ganz bestimmt.


Zumindest aber was meine Tätigkeit angeht, gibt es nun etwas mehr Klarheit. Ich bin nicht im Norden der Insel, da es dort genug Helfer gibt. Stattdessen bin ich nun im Hot Spot Moria tätig.

Moria ist eines der größten Lager auf Lesbos. Hier werden die Flüchtlinge registriert, verbringen ein paar Nächte dort und verlassen dann die Insel mit der Fähre Richtung Athen.

Das Lager besteht aus mehreren Teilen. Es gibt drei Orte, die von der griechischen Regierung aufgebaut wurden. Das bedeutet Container, Flutlicht, große Tore, Wachen und jede Menge Nato-Stacheldraht. Drum herum siedeln sich die Leute an, die in diesen Lagern keinen Platz finden oder nicht hineinwollen. Das UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der UNO) hat hier weitere Zelthäuser aufgestellt, auch gibt es jede Menge Kleinzelte. Hier brennen nachts Lagerfeuer und Menschen, die keinen Platz in einem Zelt gefunden haben, schlafen auf dem Boden. Die Luft riecht nach verbranntem Plastik, denn Feuerholz ist knapp und so wird alles verbrannt, was sich findet.

Letzte Nacht habe ich hier für das UNHCR Tee gekocht und Decken und Schlafsäcke verteilt. Die Decken und Schlafsäcke werden erst nach 21 Uhr verteilt, da Flüchtlinge, die sich auf dem Weg zur Fähre befinden, sich noch welche abgreifen würden. Da alles Material knapp ist, haben natürlich die Neuankömmlinge, die oft nass und durchfroren sind, Vorrang. Kamen Leute und baten um Decken, gingen wir mit ihnen zu ihrem Schlafplatz, um zu kontrollieren, dass sie dort nicht schon entsprechend versorgt waren.


Interessanterweise war keiner der Menschen, mit denen ich die Nacht verbracht habe, beim UNHCR angestellt. Alle waren Freiwillige und keiner wusste, wer denn eigentlich der offizielle UNHCR-Mensch ist. Es ist eine typische Situation dort in diesem Lager, keiner kann einem Genaues sagen, alle sortieren sich irgendwie ein, und trotzdem entwickelt sich das Ganze zu einer Struktur, in der Menschen halbwegs sicher ein paar Nächte verbringen können. Bestimmt geht so aber auch jede Menge Energie und Ressourcen verloren, die in einem zentral koordinierten Lager sinnvoll genutzt werden könnten.


Nach dieser Nachtschicht sind auch meine Energien ein wenig aufgebraucht. Durch die zweitägige Reise hierher ist mein Rhythmus noch ein wenig durcheinander. Erst recht durch die letzte Nachtschicht. Ich bin müde, kann aber nicht schlafen, also schreibe ich mich ein wenig müde.

Dabei steht die nächste Nachtschicht schon bevor. Diesmal nicht beim UNHCR, sondern bei einem Feldlazarett. Dieses ist ein Zeltkrankenhaus, das aus freiwilligen Ärzten, Pflegepersonal usw. besteht. Viele der Flüchtlinge sind krank, eine medizinische Versorgung gibt es aber nur, wenn man in dem Teil des Lagers ist, den die griechische Regierung aufgebaut hat. Zwar gibt es noch "Ärzte ohne Grenzen" außerhalb des Lagers, aber die sind nachts nicht vor Ort, obwohl dann viele Boote Lesbos erreichen.

Meine Aufgabe besteht darin, mit einem Dolmetscher unterwegs zu sein, Menschen über das Feldlazarett zu informieren, Kranke zu finden und zu entscheiden, ob sie ins Lazarett müssen, oder ich sie vor Ort behandeln kann. Ich bin gespannt, was die Nacht bringen wird – jetzt probiere ich es aber erst noch einmal mit einer Runde Schlaf.

Moria Camp – 12.12.2015

Was mache ich überhaupt auf Lesbos?

Meinen Unterstützern in Deutschland und allen Interessierten möchte ich kurz beschreiben, wo überhaupt ich auf Lesbos arbeite

Tatsächlich bin ich durch „großen Zufall“ zum Health Point Project gekommen. Da es bei meiner Ankunft kaum Zimmer auf Lesbos gab, musste ich ein Fünfbettzimmer für mich alleine nehmen. Nancy, eine engagierte Amerikanerin, postete, ohne dass ich davon wusste, auf Facebook, dass ich mich über Zimmergenossen freuen würde (ich hatte es Georgia der Wirtin gesagt und sie Nancy). So stand am ersten Abend Sourjon vor der Tür und sah die Rettungsdienstjacke, die ich gerade erst ausgepackt hatte. „Bist du Mediziner?“, fragte sie und lud mich dann ein, im Health Point Project vorbeizuschauen. Gestern wurde ich dann Teil des Teams.

Tatsächlich ist das Health Point Project keine Organisation, auch wenn es mittlerweile ein echtes kleines Feldlazarett ist. Stattdessen finden sich Ärzte, Schwestern, Pfleger, Hebammen, Rettungsfachkräfte und stellen ein Minimum an Gesundheitsfürsorge sicher. Alle sind aus freien Stücken hier – frage ich sie nach ihrer Motivation, ist die Antwort meist, dass sie einfach nicht zuschauen wollten. Sie sind die einzigen Mediziner, die mehreren hunderten Flüchtlingen rundum die Uhr zur Verfügung stehen. Andere bekannte Organisationen im Gesundheitsbereich, schließen irgendwann ihre Türen zu und gehen nach Hause. Ich freue mich sehr, mit diesen tollen Menschen zusammen arbeiten zu dürfen!

Ein paar Informationen zum Health Point Project findet man auf Facebook unter dem Begriff „Health Point Project Lesvos“. Für alle die, die nicht auf Facebook sind, hier ein Foto von unserem Feldlazarett.


 

Eine Nachtschicht im Moria Camp


Es ist kurz vor 19:30 Uhr. Ich schnüre die Wanderschuhe und ziehe das Winterflies aus meinem Parka an; darüber die Rettungsdienstjacke ebenfalls mit Winterfutter – lange Nächte werden kalt. Dann schnappe ich mir den Notfallrucksack und mache mich auf den Weg ins Moria Camp. Es sind drei Kilometer, die ich zu Fuß gehe; es hilft mir den Kopf freizubekommen.

 

Im Camp angekommen gehe ich zum Feldlazarett am „Afghan Hill“. Die Nachtschicht beginnt. Alle Mediziner bilden einen Kreis und besprechen kurz die Aufgaben und Neuigkeiten: Alles ruhig, nichts Neues. Dann bin ich draußen, mein Job ist „doing the outrech“, das Lazarett nach draußen zu den Leuten bringen.

Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge an, werden registriert und irgendwann weitergeleitet. Zur Fähre, auf das Festland und dann wer weiß wohin. Deshalb gibt es kaum beständiges Wissen über die Strukturen im Camp. Ich gehe zwischen den Zelten umher und zu den Feuerstellen, wo die meisten versammelt sind. Ich erkläre ihnen, dass es ein Feldlazarett gibt, das sie „24/7“, also rundum die Uhr aufsuchen können. Viele klagen über Husten und Halsschmerzen. „Viel Tee trinken, ausruhen, den Rauch vom Feuer meiden“, ist meine Standardantwort.

Sind Babys in der Familie, können sie sich im offiziellen Camp melden, wo es Familiencontainer, mit echten Matratzen und auch Decken gibt. Im wilden Camp drum herum schlafen viele auf Kartons, wer Glück hat, bekommt eine Decke oder einen Schlafsack – für alle langt es nicht immer.

Für die Kinder ist meine rechte Tasche mit Bonbons gefüllt … diese und das Dasein und Zuhören sind hier die wichtigsten Medizin.

 

Für den Fall, dass ich jemanden entdecke, dessen Erkrankung nicht mit Tee, Schlaf, und guten Worten geheilt werden kann, habe ich ein paar wenige Medikamente mit mir. Ich kann aber auch einen Doktor anfunken oder den Kranken ins Lazarett bringen. Wenn er und seine Familie neu sind, müssen alle mit – zu groß ist die Gefahr, dass sie sich anschließend nicht mehr wieder finden.

 

Auch bei den verschiedenen Projekten und Initiativen stelle ich mich vor. Erkläre, wo das Lazarett ist und gebe ihnen meine Nummer. Jeden Tag sehe ich neue Freiwillige, alte sind weg, so dass es auch hier kein beständiges Wissen über die Strukturen im Camp gibt.

 

Gegen 22:00 Uhr kehre ich ins Lazarett zurück. Jetzt unterstütze ich das Team dort. Oft besteht die Zeit aus Warten – heute nicht. Plötzlich haben wir eine alte Frau und ein Kind mit einer Lungenentzündung und schlechtem Allgemeinzustand. Und immer wieder schauen Leute rein mit Husten, Fieber, Halsschmerzen; bringen Unruhe in den Raum. Ich gehe raus, mache die Crowd Control bzw. Triage. Das bedeutet, ich schau mir jeden an. Ist es nur Husten und Halsschmerzen, lautet meine Antwort „Tee trinken, ausruhen, den Rauch des Feuers meiden“. Wer ernsthaft krank ist, darf rein.

 

Um 24:00 Uhr wird es ruhiger, wir räumen auf, fegen durch. Raphael, ein frisch gebackener Doktor aus der Schweiz und neu im Team, besorgt Tee für alle. Die beiden Patienten mit der Lungenentzündung liegen hinten auf Feldbetten und schlafen. Jetzt heißt es, die Nacht rumbringen.

Da geht die Tür auf und die Abwechslung kommt zur Tür herein, gestützt von zwei Freunden – er humpelt auf beiden Füßen. Als er das Boot verließ, hatte er vorsorglich die Schuhe ausgezogen und ist prompt mit beiden Füßen auf einen Seeigel getreten. Keiner von uns weiß, wie man Seeigelstacheln entfernt und Google können wir nicht fragen, da es hier kein Netz gibt.

Der Doktor gibt sein Bestes, aber man merkt, dass dies eigentlich ein „Schwesternjob“ ist. Sein Plan ist, mit einem spitzen Skalpell unter den Stachel zu schneiden und ihn rauszuhebeln. Eine halbe Stunde später ist der erste Stachel noch nicht entfernt, der Fuß blutet und dem gestandenen jungen Mann laufen die Tränen. Mindestens 30 Stacheln warten noch, der Arzt gibt auf. Wir lassen den Patienten ein Fußbad machen, dann legt er sich auf den Bauch und ich bin an der Reihe. Ich probiere es mit einer möglichst großen Kanüle. Ich steche über dem Stachel rein und schlitze die Haut mit der Nadel auf. Die kleinen Hautfetzen werden mit dem Skalpell abgeschnitten. So wird der Stachel freigelegt, bis man ihn mit der Pinzette greifen und rausziehen kann. Das Problem: viele Flüchtlinge haben dicke Hornhaut und müssen einfach viele Kilometer zu Fuß gehen. Wenn sie den Schmerz merken, ist der Stachel schon tief eingedrungen.

Zwei Stunden später ist es geschafft, nur wenige Stacheln lassen sich nicht entfernen. Aber wir entscheiden uns, sie zu belassen, da die Wunde zu groß und die hygienischen Bedingungen zu schlecht sind. Die Füße werden mit Betaisodona behandelt und bandagiert, der Patient bekommt den Hinweis, nicht zuviel zu laufen …. hat er auch nicht vor.

 

Ich mache noch eine schnelle Runde durch das Camp um Leute zu finden, die weder Decke, Schlafsack oder Zelt haben. Am UNHCR-Infostand bekomme ich einen Becher Tee und die Information, dass aktuell noch zwei Flüchtlingsboote auf See sind. Es ist windig und kalt. Mehrere Flüchtlinge haben uns an diesem Tag gesagt, dass die Boote mit zu wenig Treibstoff befüllt werden. Sie erreichen nicht mehr unter Motorkraft Lesbos, sondern sind abhängig von Wind und Wellen. Ich gehe zurück zum Feldlazarett und überbringe die Nachricht. Eine halbe Stunde später ist der erste Bus mit Flüchtlingen da. Andere Freiwillige versorgen sie mit Tee, Essen, Decken und weisen ihnen Schlafplätze zu. Keine Arbeit für uns. Kurz darauf kommt der zweite Bus und auch diesmal bleibt es ruhig.

 

Gerade als ich überlege, die Chance zu nutzen, um mich hinzulegen, kommt eine Großfamilie ins Lazarett. Darunter sechs Kinder zwischen einem Monat und 10 Jahren, zwei Schwangere und eine fußkranke Großmutter. Ihnen fehlt nichts. Aber Schuhe und Socken sind nass. Sie sind müde und haben Hunger.

Die beiden Ärzte, Dr. Rahil und Dr. Fahil – sie arbeiten beide in einem Londoner Krankenhaus – sind plötzlich ziemlich aufgekratzt und dann zur Tür raus. Minuten später sind sie wieder da, haben Essen, Tee und Socken mitgebracht. Alles wird verteilt. Die Kinder bekommen Bonbons. Wir stopfen Stücke von Rettungsdecken in die nassen Schuhe damit die neuen Socken nicht direkt nass werden. Ein Doktor ruft im befestigten Lager an, ob es noch Schlafplätze für Familien gibt. Im Gegensatz zum wilden Lager drum herum, müssen die Menschen nicht auf Kartons liegen. Hier gibt es Matratzen und der Raum ist geheizt.

Glücklicherweise gibt es noch einen Familienraum und wir geleiten die Flüchtlinge dort hin. Ich stütze die Großmutter, und bald hängen wir hinten an. Doktor Rahil kommt „Yanni, Yanni!“* rufend angelaufen. Er war mit dem Rest der Familie schon voraus und hatte nun die Sorge, dass die Familie getrennt wird. Ich sage ihm, dass es etwas länger dauert, er soll den Wachen nur sagen, wo die Familie untergebracht ist – sie werden uns dann schon hinbringen. Wenig später sind alle zusammen sicher in einem Familienraum untergebracht. Wir gehen schweigend zurück zum Lazarett.

 

So ungefähr sieht unsere unspektakuläre Arbeit aus. Ich habe mich auch schon gefragt, ob es das ist, weswegen ich hergekommen bin. Eigentlich wollte ich doch am Strand sein und dort die Flüchtlinge "retten". Diese Arbeit ist sehr wichtig und auch spektakulär. Die Medien sind dort und es werden auch Katastrophensüchtige angelockt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es mehr um die medialen Bilder geht als um Menschen. Einen Ausschnitt dieser Katastrophenpornographie sieht man z.B. hier:

 

(Video)

 

Ich möchte in diesem System, in dem vor allem das Leid der Menschen wichtig ist, nicht mitmachen. Ich möchte auch mal eine Nacht im Lazarett sitzen und wissen, dass es nichts Schlimmes gibt, weil eben keiner kommt. Medial lässt sich das natürlich schlecht verkaufen und es ist auch wichtig, dass es Menschen an den Stränden gibt, die dort die harte Arbeit machen. Doch auch wenn die Arbeit hier im Moria Camp wesentlich unspektakulärer ist, ist sie dennoch wichtig.

Das hat mir in dieser Nacht Dr. Rahil gezeigt: Plötzlich war sein Arztsein, und auch bestimmt mein Rettungsassistentsein, nicht mehr hilfreich. Und diese „Hilflosigkeit“ reduziert uns auf das Menschsein. Als Nicht-Arzt und Nicht-Rettungsassistent können wir Emotionen nicht mehr mit Professionalität abwehren, sondern sind einfach als Mensch da. Das spüren die Flüchtlinge und es gibt eine warme Brücke der Verständigung – WILLKOMMEN IN EUROPA … ganz wahrhaftig gemeint! Und ja, genau deswegen bin ich hier her gekommen.

 

Im Lazarett angekommen, räumen wir mal wieder auf, sortieren das Chaos und fegen den Boden. Mittlerweile ist es halb fünf und ich lege mich hin. Unser Drachen, eine kleine Heizkanone, ist aus, sie hat keinen Sprit mehr. Trotz der Kälte fallen mir die Augen zu, aber es ist nur ein Dämmerschlaf.

Um acht Uhr kommt die Tagschicht. Wieder bilden wir einen Kreis und machen eine kurze Übergabe. Dann verabschiede ich mich. Ich gehe zu Fuß zum Hotel. Gedanken sortieren, den Kopf freibekommen …


 

* "Jens" ist international ein ziemlich schwer auszusprechender Name. Von Jean über Jeans bis John ist alles dabei. Auf Kreta nennt man mich im Urlaub Ioannis, der griechische Johannes. Die Kurzform ist Yanni, so stelle ich mich hier vor.

 

Ein entkräfteter Flüchtling wird ins Camp gebracht

17.12.2015 – Panagouda


 

Emotionen


Die Nacht ist vorüber, gerade bin ich vom Feldlazarett im Moria Camp gekommen, wo ich Nachtschicht hatte. Die Sonne scheint und wir haben Windstärke 6. Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge wird sich heute wohl in Grenzen halten. Fast bin ich glücklich darüber, denn aktuell habe ich eine Aufgabe, die mir nicht leicht fällt. Das Lager ist voll, jeden Abend reichen die Zelte nicht, manchmal auch nicht Decken und Schlafsäcke. Insbesondere auf der Seite, wo die syrischen Flüchtlinge untergebracht werden, ist die Situation dramatisch. Jeden Abend mache ich meine Runde und immer wieder sehe ich Menschen, die nur ein Minimum haben, um die Nacht zu überstehen: Einen Mantel, eine Decke, Pappkartons, oder einen Sommerschlafsack. Doch sie sind so erschöpft, dass sie sofort einschlafen, wenn sie sich einmal hingelegt haben. Flutlichter, Rauchgestank, Lärm, Kälte, all dass bekommen sie nicht mit.

Ich gehe durch ihre Reihen, fasse hier und da unter Decken und in Schlafsäcke, um zu fühlen, ob Kinder nicht auskühlen oder nasse Kleidung tragen. Wo es nicht ausreicht, gehe ich zum UNHCR, lasse mir Decken oder Schlafsäcke geben. Ich wickele die Schlafsäcke in Rettungsdecken ein, darüber kommt eine weitere Decke.


Für Familien mit vielen oder kranken Kindern, versuche ich, einen Schlafplatz in der Schutzstelle vom befestigten Lager zu organisieren. Doch oft entscheidet nicht die Not. Zu oft sind es knappe Ressourcen, und ich muss bei meiner Entscheidung Prioritäten setzen. Das bedeutet, dass die Familie mit fünf Kindern einen Schutzplatz bekommt, Mutter und Vater mit nur einem Kind, aber nicht. Fünf kranke Kinder sind schlimmer als eins.

So denken zu müssen, tut weh. Und es tut mir weh, wenn ich Kartons auseinanderschneide, und darüber Schlafsack und Rettungsdecke ausbreite. Ich lasse die Flüchtlinge sich darauf legen. Dann wickele ich sie in die Rettungsdecke ein und ziehe den Schlafsack zu. Es sind routinierte Handbewegungen, die mir wehtun. Sie schmerzen, denn es ist absolut unverständlich, warum es solche Situationen in einem reichen Europa geben muss, dass angeblich für Menschenrechte einsteht und sich selbst als zivilisiert betrachtet. Dass solche Situationen alltäglich und institutionalisiert sind, ist noch viel unverständlicher.

 

Über das Unverständnis gelingt es mir, meine Traurigkeit nicht zu persönlich werden zu lassen. Vorher kann ich sie in eine gesunde Wut verwandeln. Mit anderen Worten: Es geschehen schlimme Dinge in unserer Welt, aber diese haben Ursachen. Und wir dürfen unsere Energie nicht verschwenden, indem wir an der Schlechtigkeit verzweifeln, sondern müssen sie nutzen, um die Ursachen zu bekämpfen.
 

17.12.2015 – Moria Camp

Nachtschicht. Schon als ich das Lager betrete, rieche ich, dass es kaum Brennholz gibt. Es wird jede Menge Plastik verbrannt, um ein wärmendes Feuer zu haben. Die Zahl der Atemwegserkrankungen steigt rapide an. Immer wieder muss jemand vor das Lazarettzelt, um eine Vorsichtung zu machen. Wer Husten, Halsschmerzen aber kein Fieber hat, soll am nächsten Tag kommen.

Wir bekommen die Nachricht, dass mehrere Busse vom Strand ankommen. Seanna, eine englische Krankenhausärztin, geht zum befestigten Lager. Eine halbe Stunde später schlägt das Funkgerät Alarm, Seanna gibt einen Lagebericht: "Mehrere hundert Flüchtlinge. Familien, viele Kinder, Alte, Kranke. Einige nass, viele unterkühlt. Brauchen Decken, Tee, Unterstützung! ASAP!" (ASAP meint "As soon as possible", also so schnell wie möglich.)
Erfahrungsgemäß setzten sich jetzt viele Freiwillige in Bewegung – von der Kleiderkammer, von den Teezelten, und wer sonst noch den Hilferuf gehört hat. Terry, ein britischer Krankenpfleger, und ich hängen uns unsere Stethoskope um und stopfen uns Rettungsdecken in die Taschen. Die großen Notfallrucksäcke sind in der Menge nur hinderlich. Wir machen uns auf zum Eingangsbereich vom befestigten Lager – es sind ungefähr 300m.

Wenig später sind wir da. Es hat sich eine riesige Schlange von Flüchtlingen gebildet, die gerade angekommen sind. Sie stehen alle am Ticketschalter. Ohne Ticket keine Registrierung, ohne Registrierung keine Weiterfahrt mit der Fähre. Und diese Masse hier möchte sich nicht erst morgen in Ruhe für ein Ticket anstellen. Wer weiß, welche Nachrichten gerade über Facebook und WhatsApp gerade die Runde machen. Dicht gedrängt stehen die Menschen über hundert Meter – nur wenige von ihnen werden das Glück haben, neben dem Ticket auch einen Schlafplatz im festen Lager zu bekommen. Ihre Nacht wird noch sehr lang werden, denn nach dem Anstehen heißt es, sich ein Nachtlager zu suchen, trockene Sachen, Decken und Schlafsäcke zu organisieren. Dabei sind jetzt schon einige am Ende ihre Kräfte. Insbesondere Kinder und Frauen liegen auf der Straße und schlafen. Die Männer stehen wachend bei Ihnen, wecken sie, wenn es ein Stück weiter geht.

Wir gehen die Schlange ab, irgendwo muss Seanna sein. Dort, wo die Straße in den Vorplatz vom Lagereingang mündet, entdecken wir sie. 12 Personen stehen, sitzen, liegen bei ihr. Es ist eine syrische Großfamilie, die total entkräftet ist. Sie hatten alle nur eine Banane an diesem Tag gegessen, die Überfahrt hat über zwei Stunden gedauert, gottseidank sind sie nicht nass geworden.
Der Großvater hat einen Asthmaanfall, die Großmutter einen angeknacksten Fußknöchel, Mutter und Tante wirken apathisch, insgesamt gehören fünf Kinder von ca. zwei bis 12 Jahren zur Familie. Seanna macht sich auf den Weg, um einen Schutzplatz für die Familie im oberen Camp zu besorgen und einen Rollstuhl. Terry und ich untersuchen den Großvater, sein Lunge pfeift, er bekommt ein Asthmaspray, das Seanna von einem Freiwilligen bei "Ärzte ohne Grenzen" hat holen lassen.
Dann wickeln wir die Familie in Rettungsdecken ein. Der Vater will uns etwas deutlich machen, aber wir verstehen nicht, und er redet lauter. Mohamed, der älteste von den Kindern, sagt uns auf Englisch, dass sein Vater Angst hat, er aber auch nicht versteht was er will. Er übersetzt für uns, dass alles gut ist und wir uns um ihn kümmern.

Dann kommt die Polizei, mit Schilden drücken sie die Flüchtlinge um uns zurück. Ausgerechnet dort, wo wir diese Familie positioniert haben, wollen sie nun eine Pufferzone einrichten. Die Familie wird angewiesen, zu gehen. Terry und ich widersprechen und erklären, dass sie aus medizinischen Gründen nicht hier weg kann. Wir stellen uns demonstrativ zwischen Familie und Polizei. 'Schutz durch Anwesenheit', eine bekannte Methode aus der Menschenrechtspolitik.
Um uns stehen jetzt fünf Polizisten, die anderen drängen die Flüchtlinge weiter zurück. Ich verteile Bonbons an die Kinder, Terry versucht ein möglichst banales Gespräch mit den Polizisten. Dieser Moment in der Pufferzone, umringt von Polizisten, ist irgendwie unwirklich und gleichzeitig sehr beklemmend.

Eine halbe Stunde später kommt Seanna mit einem Rollstuhl. Sie hat einen Schutzraum für die Familie im oberen Lager besorgt. Bis dahin sind es ca. 200m steil bergauf. Wir erklären der Familie, dass sie unbedingt zusammen bleiben müssen und sich an unseren Warnwesten orientieren sollen. Wir beide ziehen und drücken die Großmutter im Rollstuhl den Beg hinauf. Nach den ersten 20m ist die Hälfte der Familie schon über die Hälfte zurück.
Ich vermute einen ähnlichen Mechanismus wie beim Rettungstod. Treffen Helfer am Unglücksort ein, glaubt sich der Patient gerettet. Sein Körper, der am Limit gekämpft hat, hält lebenswichtige Kompensationsmechanismen nicht mehr aufrecht. Bis zur Ankunft im Lager musste auch diese Familie kämpfen, jetzt glaubt sie sich sicher. Körper und Geist schalten ab, sie erkennen nicht, wie gefährlich es ist, jetzt getrennt zu werden. Der einzige, der noch voll dabei ist, ist Mohamed. Terry und ich erteilen jetzt nur noch laute und klare Befehle, Mohamed übersetzt ebenso eindringlich. Es scheint zu wirken.
 
Obwohl wir sehr langsam gehen, kann der Großvater irgendwann nicht mehr. Bis zum Tor zum Lager sind es noch 50m. Wir setzten ihn zusammen mit dem Familienvater auf eine Decke am Straßenrand. "STAY ON THE BLANKET! DO NOT MOVE FROM THE BLANKET! I COME BACK!" (Bewegt euch nicht von der Decke! Bleibt auf der Decke! Ich komme wieder!), befehle ich den beiden.
Dann schieben wir die Großmutter weiter den Berg rauf zum Tor. Vor dem Tor bleibt Terry mit ihnen stehen. Keiner wird rein gelassen, bis ich nicht wieder mit den beiden Männern da bin. Der Vater und ich hängen uns den Opa über die Schultern und bringen ihn zu den anderen. Das Tor wird geöffnet, wir treten ein. Jetzt geht es linksrum am Stacheldrahtzaun entlang. Rechts gehen Wege zu den Containerreihen ab. Ich stütze den Großvater, Mohamed trägt eine schwere Tasche. Wir sind nur ein paar Meter hinter der Familie. Aber als wir um die Ecke biegen, ist auf dem Weg zwischen den Container keine Familie mehr zu sehen. Wir setzen den Großvater auf einen Stuhl. Ich bitte einen Freiwilligen, auf ihn aufzupassen, damit er sich nicht fortbewegt. Mit Mohamed zusammen suchen wir die Container ab. Endlich haben wir sie gefunden. Ich bringe den Großvater in den Container.
 
Drinnen untersuche ich ihn noch einmal. Seine Lunge pfeift, er bekommt noch zwei Hübe Asthmaspray und ich halte ihn an, sein Ausatmen mit der Lippe zu bremsen. Terry ist unterwegs, den Lagerarzt organisieren. Dem Großvater geht es nun langsam besser, Frauen und Kinder liegen auf Matratzen. Ich kann sie nur schemenhaft erkennen. Die Lampe ist kaputt und Licht kommt nur von draußen durch die Fenster und durch die Tür zum Sanitärraum. Der Familienvater klopft mir auf die Schulter und zeigt auf seinen Hals und sagt "Asthma, Asthma!". Als ich seine Lunge abhöre – alles ist frei – rennt er los ins Bad und übergibt sich. Offensichtlich hat er einen Nervenzusammenbruch. Als er zurückkommt, setze ich ihn hin, fühle seinen Puls und lege eine Decke über ihn. "Es ist alles in Ordnung! Ihr seid jetzt in Sicherheit! Ruht euch aus!", sage ich. Mohamed übersetzt. Unglaublich, was für eine Größe dieser Zwölfjährige in diesem Moment aufbringt – was diese Situation mit seiner Psyche anstellt, will ich mir gar nicht vorstellen.
 
Da tauchen Terry und der Lagerarzt auf. Dieser untersucht nun den Großvater, Terry und ich nehmen Mohamed mit nach draußen. Wir sagen ihm, dass er stolz auf sich sein kann, ich gebe ihm noch eine Handvoll Bonbons. Wahrscheinlich hätten wir ihn einfach mal kräftig drücken müssen. Aber daran hat keiner von uns gedacht. Oder wir wollten nicht dran denken, weil uns dann sicher das Wasser in den Augen gestanden hätte. Also schnappen wir uns den Rollstuhl, verabschieden uns und gehen wieder zurück zum Eingangsbereich des unteren Lagers.
Die Schlange ist inzwischen kleiner geworden, ein paar wurden in unser kleines Feldlazarett gebracht, andere haben sich freiwillig, ohne Ticket, einen Schlafplatz organisiert. Sie werden es sicher morgen probieren. Ansonsten leichte Unterkühlungen, kleine Wunden, Nervenzusammenbrüche, Schwächeanfälle, Kopfschmerzen, Übelkeit, schmerzende Füße und Beine, nasse Klamotten, nasse Schuhe, Hunger, Durst, … die ganz alltäglichen kleinen Katastrophen. Kaum der Rede wert …

Die Nacht ist nun vorbei und mittlerweile habe ich ausgeschlafen. Es ist gleich 15:00 Uhr und ich sitze auf dem Balkon und schreibe über das Erlebte. Wieder ein Tag, mit halbwegs angenehmen Temperaturen und kein Wind. Das Meer, dass ich von hier aus sehen kann, bewegt sich kaum … es werden also wahrscheinlich wieder jede Menge Flüchtlinge heute ankommen.
 
Aktuell sind es ca. 3.000 pro Tag.

21.12.2015 – Camp Moria


 

Dramatische Entwicklungen

Als Helfer direkt vor Ort halte ich es für ein Gebot, mich möglichst nicht in strukturelle / politische Ebenen einzumischen. Da es die Flüchtlinge sind, weswegen ich hier bin, muss ich auch mit Menschen und Organisationen zusammenarbeiten, die ich gut und gerne anklagen könnte. Sei es die griechische Polizei, die die öffentliche Sicherheit manchmal ohne Rücksicht durchsetzt. Oder Organisationen, denen es wichtiger ist, dass man ihre Fahne sieht, als dass sie qualifizierte Mitarbeiter hierher bringen. Tagtäglich sehe ich bewusstes und unbewusstes Versagen, das sowohl Flüchtlinge als auch Helfer gefährdet. Dies möchte ich in diesem Bericht ganz konkret benennen.


Das größte Problem ist, dass fast der gesamte direkte Betrieb des Lagers in der Verantwortung von Freiwilligen liegt. Busse kommen an, die Flüchtlinge bekommen trockene Klamotten und Decken, es werden Schlafplätze organisiert. Man ist bemüht, besonders gefährdeten Personengruppen – Familien mit Kindern, Alte, Kranke, Behinderte etc. – einen Schutzplatz zuzuweisen. Essen und Tee muss gekocht und verteilt werden, eine riesige Logistik hinter allem am Laufen gehalten werden. All dies wird von Freiwilligen geleistet. Das bedeutet einen hohen Stressfaktor über längere Zeit. Die Situation lässt sich als permanenter Ausnahmezustand beschreiben. Aber die Helfer vor Ort können sie nicht ändern – wir können nur bestmöglichst damit leben. Obwohl jeder jederzeit bemüht ist, sich kooperativ zu verhalten, liegt eine permanente Spannung in der Luft.

 

Im Moment sieht es aus, als ob sich der Registrierungsprozess durch FRONTEX verlangsamt. Nur wer registriert ist, kann auf eine der Fähren und seine Flucht fortsetzen.

Aus dem Durchgangslager Tara Kepe kam jüngst ein Hilferuf. Das Lager ist für 500 Personen ausgelegt, aktuell werden ca. 900 Personen versorgt. Das Lager wird von Freiwilligen betrieben und durch Spenden am Laufen gehalten. Doch diese können eine solche Zahl nicht dauerhaft versorgen.

Bei uns, im Camp Moria, stranden mittlerweile immer mehr Personen, die aus „sicheren“ Ländern kommen. Ein Schild am Zaun zur Registrierungsstelle klärt sie darüber auf, dass sie nicht mehr registriert werden. Das bedeutet, dass sie auf Lesbos festgesetzt sind. Sie können nicht weiter, von hier wird nicht abgeschoben und zurück in die Türkei können sie auch nicht. Diese Flüchtlinge haben jede Perspektive verloren. Alkohol und Drogen sind die Auswege, die sich ihnen bieten. Schlägereien mittlerweile an der Tagesordnung. Letzte Woche gab es einen Aufstand, der von der Polizei niedergeschlagen werden musste. Flüchtlinge wurden in andere Teile des Lagers übergesiedelt und die Zahl der Zelte, die aufgestellt werden dürfen, ist nun limitiert (obwohl keiner weiß, wie viel Zelte es überhaupt gibt).

 

In der gestrigen Nachtschicht kam bis ca. 1:00 Uhr ein Bus nach dem anderen an. Viele Flüchtlinge waren nass und unterkühlt. Darunter viele Babys und Kinder. Alle waren zu Tode erschöpft. Sie haben trockene Kleidung bekommen. Decken und Schlafsäcke haben nicht für alle gereicht. Anstelle eines Schlafplatzes haben sie den Rat bekommen, sich an ein Feuer zu setzen.

Kaum war ein Bus abgearbeitet, fuhr der nächste vor. Man konnte die Erschöpfung und Verzweiflung der freiwilligen Helfer aus ihren Gesichtern lesen. Doch Offizielle hat man nicht gesehen, kein Mitarbeiter vom UNHCR war vor Ort. Die schwirrten alle einen Tag zuvor um Susan Sarandon, die das Camp Moria besuchte.


Kurz vor Feierabend heute Morgen, habe ich noch schnell benötigte Medikamente in die Gesundheitsstation vom festen Lager gebracht. Das Lager wird von Mercy International, einer größeren Hilfsorganisation, betrieben. Und eigentlich gibt es einen Arzt, der rund um die Uhr da sein sollte. Doch wenn er müde ist, geht er in sein Hotel und die Gesundheitsstation ist denkbar schlecht ausgerüstet. Regelmäßig müssen wir also zum Lager, dort Patienten behandeln oder Medikamente hinbringen.


Auf dem Weg zurück zum Krankenhaus kam ich an der Registrierungsstelle vorbei, wo ca. 500 Flüchtlinge schon seit Stunden anstanden, um ihre Dokumente für die Weiterreise zu bekommen. Jeder Einzelne muss registriert werden. Das bedeutet, alle Familienmitglieder müssen sich in die Masse einreihen. Egal ob alt, krank, behindert, Baby oder schwanger.

Seit Wochen haben es weder das UNHCR noch die Polizei geschafft, ein System aufzubauen, das diese Masse ordnet. Die aktuelle Lösung ist die wohl am wenigsten sinnvolle.

Auf einem großen Platz drängt eine Menschenmenge nach vorne zu einer kleinen Tür im Lagerzaun. Ca. 20m vor diesem Zaun laufen eiserne Absperrgitter trichterförmig auf die Tür. Wer hier dazwischen steht, hat keine Chance raus zu kommen – dabei nimmt auf Grund des Trichters, der Druck nach vorne immer mehr zu. Menschen schreien und weinen, tragen ihre Kinder auf den Schultern, damit diese Luft bekommen. Die Polizei steht gesammelt vor der Tür und brüllt auf die Menschen ein, sie sollen nicht drücken. Immer wieder kollabieren welche, müssen irgendwie rausgebracht werden.

Als ich vorüber ging, sah ich, wie einige Menschen aufgrund des großen Druckes kaum mehr atmen konnten. Ein paar schweizer Freiwillige versuchten der Polizei klarzumachen, dass sie die Gitter öffnen müssen, um den Druck von der Masse zu nehmen. Doch hier war mittlerweile alles hoffnungslos verkeilt. Die nach außen öffnende Tür zum Lager war schon längst nicht mehr zu öffnen.

Zusammen sind wir dann an das Ende der Menschenmenge, haben eine Kette gebildet, und so die Wartenden nach hinten gedrängt. Spontan reihten sich Flüchtlinge bei uns ein. Stückchen für Stückchen konnten wir so die Masse zurückdrängen. Irgendwann unterstützte uns auch die Polizei, die die Pufferzone sicherte, bis wir die nächsten Flüchtlinge zurückgedrängt hatten.

Gerade zwängte ich mich erneut zwischen Flüchtlingen durch, um die nächste Menschenkette zu bilden, als die Polizei die Pufferzone verließ. Die Menschenmenge rückte auf und drückte erneut. Die anderen Aktivisten kamen gar nicht mehr in diese Masse herein – ich war gefangen.


So wurde aus meiner 12-Stundenschicht eine 15-stündige. Eingekeilt zwischen den Flüchtlingen verteilte ich Bonbons an schreiende Kinder, wies Männer zurecht, die ausgerechnet jetzt anfangen mussten zu rauchen und bereitete eine Flasche Babymilch für eine Mutter zu, die ihr drei Monate altes Kind auf dem Arm hielt. Wenige Meter vor uns ging die Polizei brutal mit Schilden und Knüppeln in die Masse, um zwei Streithähne zu trennen. Jederzeit hätte eine Massenpanik ausbrechen können. …

 

Und am Rand dieser Menschenmenge sammelte das nicht-medizinische Personal von "Ärzte ohne Grenzen" Müll ein. Die Mediziner tauchten erst gegen 10:00 Uhr auf. Da war die Tür zum Lager geöffnet und langsam reduzierte sich die Menschenmasse und damit der Druck. Ich nutzte eine kleine Lücke, um mich endlich auf den Nachhauseweg machen zu können.

 

Als ich an dem Ort ankam, von wo aus ich auf das Meer blicken kann, setzte ich mich auf eine Mauer, um kurz innezuhalten.

Warum gibt es kein professionelles Personal vor Ort, welches das Lager betreibt?

Warum toleriert man eine Situation, die permanent vor der Eskalation steht?

Der gesamte Betrieb des Lagers ist so offensichtlich schlecht organisiert, dass ich es als vorsätzlich bezeichne. Was hier passiert, ist (meiner Meinung nach auch im juristischen Sinne) ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!

25.12.205 – Panagiouda


 

Weihnachtsstimmung

 

Es ist Weihnachten, auch auf Lesbos. Doch die Stimmung hat wenig Weihnachtliches bzw. fühlt sich Weihnachten hier komisch an. Wir haben nicht ganz T-Shirt-Wetter, aber zumindest Ärmel-hochkrempel-Wetter. Und zur Feier des Tages haben wir gestern für eine Stunde das Feldlazarett geschlossen, uns 10 m vom Eingang hingesetzt (falls ein Notfall kommt) und zusammen Falafel gegessen.


Dann ging der normale Betrieb weiter. Im Moment fehlt im befestigten Teil des Lagers ein Arzt und man schickt die Leute zu uns. Viele kommen auch, weil es sich herum gesprochen hat, dass die Ärzte bei uns Arabisch, Farsi und Urdu sprechen. Die Flüchtlinge erhoffen sich dadurch eine bessere Chance, auf den Fast-Track zu kommen. Das bedeutet, dass sie nicht stundenlang anstehen müssen, um registriert zu werden. Fast täglich kommen nicht alle dran und manche stehen schon mehrere Tage an: Irgendwann in der Nacht aufstehen, in der Masse bis zum Nachmittag ausharren und hoffen, dass es diesmal langt. Die Polizei würde das Chaos gerne strukturieren, aber sie muss erst einen Antrag stellen, damit sie mehr Absperrgitter bekommt. So musste Mariam, eine Ärztin aus Norwegen, die Farsi spricht, immer wieder Afghanen erklären, dass sie deren Registrierung nicht beschleunigen kann, weil es keinen medizinischen oder sozialen Grund gab. Irgendwann konnte sie nicht mehr und verkroch sich zu mir ins Lager.

 

Das Lager ist der Raum, in dem eigentlich eine Zahnarztpraxis eingerichtet werden sollte. Er war vollgestellt mit Dutzenden Kisten und Koffern, alle voll mit Hilfsgütern. Bisher hatte noch keiner die Zeit gefunden, sie zu öffnen und alles durchzuschauen und zu sortieren. Da wir mittlerweile an verschiedenen Materialien knapp sind, hatte ich mir dies zur Aufgabe gemacht. Außerdem sind die Zahnärzte nun da und der Platz wird dringend benötigt.

Die meiste Zeit des Tages habe ich sortierend und fluchend für mich alleine verbracht. Es ist unglaublich, was Menschen alles an so genannten „Hilfsgütern“ zu uns schicken: 20 Packungen Hämorridensalbe, Psychopharmaka und Herzmedikamente, die genau eingestellt werden müssen und nur langfristig eingesetzt werden können, Sputumröhrchen, 50 steril verpackte Schwämme für die Reinigung vor Operationen usw. Vieles davon kurz vorm Haltbarkeitsdatum oder schon abgelaufen.

Oft ist es bestimmt gut gemeint, manches wird aber auch einfach nur verklappt. Sich wirklich mit der Situation vor Ort auseinanderzusetzen, nachzufragen, was gebraucht wird oder einfach nur zu überlegen, was unter diesen Umständen sinnvoll ist, scheint nicht die Regel zu sein.

 

Doch auch unseren Ärzten – fast ausnahmslos Allgemeinärzte – fällt es manchmal schwer, sich auf die Bedingungen vor Ort einzulassen. Oft wird wie in der heimischen Praxis behandelt. Und so, als ob der Patient unter den Bedingungen einer „europäisch-zivilisierten“ Welt lebt. Beispielsweise werden entzündete Zehnägel schnell gezogen, anstatt es mit einer Antibiotikatherapie zu versuchen. Dass die Patienten unter sehr schlechten hygienischen Zuständen leben, schlechtes Schuhwerk haben und noch viel laufen müssen, wird vernachlässigt. Albert Schweitzer wäre hier sicherlich ein guter Ratgeber.

Immerhin haben wir nun eine Flasche Olivenöl in unserer Apotheke. Da wir keine Ohrentropfen haben, greifen wir darauf zurück – schließlich enthält Olivenöl natürliches Antibiotika und ist auf Lesbos leicht zu bekommen.


Nachdem ich 12 Stunden Kisten sortiert und Platz geschaffen hatte, verabredete ich mich mit einigen Kollegen von der Tagschicht für einen kleinen Weihnachtsumtrunk am späteren Abend. Dann machte ich mich auf den Heimweg. Wie immer schaute ich kurz bei meinen Gastgebern rein.

Georgia erzählte mir, dass am Tag ein Flüchtling vor Panagiouda ertrunken sei. Einheimische hatten ihn, geklammert an einen aufgeblasenen Schlauch von einem Autoreifen, ca. 100m vor der Küste entdeckt. Ein Flüchtlingsboot war nirgends in der Nähe – er musste also eine ganze Weile geschwommen sein. Die Wasserpolizei wurde gerufen, doch noch bevor sie eintrafen, verließen den Flüchtling die Kräfte, und er versank.

Das Schlimme daran war die Normalität, mit der wir uns über dieses Schicksal unterhielten. Ertrinken Urlauber in Nord- oder Ostsee, wird darüber lang und breit in den Medien berichtet und viele zeigen sich über die Nachricht betroffen. Doch hier gehört es zu den alltäglichen Nachrichten, dass Menschen ertrinken – fast jeden Tag, auch an Heiligabend. …

Übrigens gibt es eine Fähre von der Türkei nach Lesbos. Die kostet ungefähr 10 Euro (Hin- und Zurück, ein One-Way-Ticket gibt es nicht).


Auch für mich ging dieser Abend ganz normal weiter. Ich bin auf mein Zimmer und habe Emails beantwortet. Zu unserem Umtrunk habe ich es nicht mehr geschafft - ich bin vor dem Rechner eingeschlafen. Dafür war ich heute Morgen so fit, dass ich meine Wäsche waschen konnte. In wenigen Stunden beginnt die nächste Nachtschicht ….


Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken, bei allen Menschen, die mich in Gedanken und finanziell unterstützen! Über meine Freundin erfahre ich, dass sich immer wieder nach mir erkundigt wird und man mir gute Wünsche sendet. Das tut gut – VIELEN DANK dafür!!!

26.12.2015 – Panagiouda


 

Ein Tropfen auf den heißen Stein

 

Gestern Abend, gegen 18:00 Uhr, klopfte es an meiner Tür. Vor mir stand Georgia, die Wirtin. Sie fragte mich, woher man trockene Klamotten bekommen könne. Gerade hatte sie eine irakische Familie in Empfang genommen. Ich sagte ihr, dass ich runter kommen würde.

Dann zog ich meine Arbeitskleidung an und ging ihr nach. Georgia und ihr Mann Andreas saßen im Aufenthaltsraum. Neben ihnen ein Mann, Dabi. Zu seinen Füßen hatten sich kleine Seen gebildet, die Jeans war bis zu den Knien dunkel vor Nässe eingefärbt. Mit wenigen Brocken Englisch erklärte er mir, dass ihr Boot gesunken war und sie in letzter Minute von der Küstenwache gerettet worden waren. Seine Familie brauche nun trockene Klamotten. Zusammen ging ich mit ihm auf ihr Zimmer, um die Familie zu sehen. Wieviele? Welche Größe? Und auch, ob die Klamotten wirklich nass waren. In der Kleiderkammer im Lager müssen die Leute immer persönlich erscheinen und ihre Not belegen. Wer sagt, dass er keine Decke im Zelt habe, wird von einem Freiwilligen dorthin begleitet und es wird überprüft, ob es tatsächlich so ist.

Zu oft schon haben Flüchtlinge Decken, Schlafsäcke, Klamotten gebunkert und weiterverkauft, und zu groß ist der materielle Engpass. Bei Dabis Familie waren Schuhe und beide Rucksäcke nass; darin all ihr Hab und Gut. Seine Frau hatte sich in Bettlaken eingeschlagen, sie war ins Wasser gefallen. Darüber trug sie eine Winterjacke, die sie von Georgia, der Wirtin bekommen hatte.

 

Andreas fuhr Dabi und mich ins Camp. Ich ging mit ihm zur Kleiderkammer und bat dort um Klamotten für die sechsköpfige Familie. Es wurde ein Packet zusammengestellt und Dabi gegeben. Doch er suchte sich nur das Notwendigste für seine Familie heraus und gab den Rest zurück. Während wir zum Platz vor dem Camp gingen, wo Busse und Taxis abfahren, erzählte mir der Dolmetscher die Geschichte von Dabi. Er hatte sich mit ihm unterhalten, während ich in der Kleiderkammer war.

Ihr Boot war leckgeschlagen und drohte abzusaufen. Die Mehrheit an Bord war Pakistani – sie zwangen andere ins Wasser, wo sie sich am Bootsrand festhielten. Alle schöpften Wasser. Mit Trillerpfeifen machten sie ein Patrouillenboot der Küstenwache auf sich aufmerksam – alle konnten gerettet werden. Als wir durch das Camp gingen, schaute sich Dabi um. Dann fragte er mich über den Dolmetscher, ob ich einen Platz wüsste, wo er günstiger mit seiner Familie unterkommen könnte. Georgia hatte sie im letzten freien Raum, dem Familienzimmer das 50 Euro pro Nacht kostet, einquartiert. „Everywhere only no back in Water!“ (Überall hin, nur nicht zurück ins Wasser), erklärte mir Dabi und rang dabei um Fassung. Leider gibt es derzeit keine freien und günstigen Zimmer – meist sind sie von uns Freiwilligen belegt.


Am Taxiplatz angekommen, traf ich einen Freiwilligen aus der Schweiz, der gerade nach Hause fahren wollte. Bereitwillig nahm er Dabi mit, der sich immer wieder mit Tränen in den Augen bedankte. Bedankte für ein paar getragene Klamotten und ein bisschen Mitgenommen werden. Ich habe während dieser Nachtschicht oft an ihn und seine Familie denken müssen. Er strahlte so eine Sorge um seine Familie und eine große Verletztheit aus. Und auch wenn es notwendig war, kam ich mir ein bisschen schäbig vor, dass ich überprüft habe, ob ihre Klamotten wirklich nass sind.

 

Bei meiner Arbeit im Camp Moria werde ich eigentlich als Mediziner oder Sozialarbeiter angesprochen und auch wenn ich versuche als Mensch zu handeln, habe ich doch meine Profession, hinter der ich mich verstecke. Dieses Mal war aber so ein Moment, wo die Sache persönlich wird. Denn ich wurde erst als Mensch angesprochen und hatte nicht meine (seelische) Schutzkleidung an.

Ich machte mir Gedanken, wie lange der Registrierungsprozess wohl dauern würde. Im Camp Kara Tepe hat FRONTEX die Registrierung vorübergehend eingestellt und in Moria geht sie nur schleppend voran. Das Zimmer im Gästehaus würde ein empfindliches Loch in die Fluchtkasse dieser Familie schlagen. Gleichzeitig war es mir überhaupt nicht egal, wenn sie ins Camp Moria umsiedeln müssten. Selbst in den Familienschutzräumen schlafen Menschen z.T. unter engsten Bedingungen auf Pappkartons und Decken. Auch nehmen die Spannungen zu, die Polizei reagiert zunehmend brutaler. Mehr und mehr kümmern wir uns um Verletzungen von Schlägereien – letzte Nacht musste ich Fäden von Wunden ziehen, die sich der Patient bei einer Messerstecherei zugezogen hatte. Grippale Infekte und Magen-Darm-Erkrankungen machen die Runde, jüngst gab es zwei Todesfälle durch Meningitis. All dies sind Umstände, die ich keinem wünsche. Und wenn ein Freund auf die Idee käme, hier (notgedrungen) unterzuschlüpfen, würde ich versuchen, ihn mit allen Mitteln davon abzuhalten. Moria ist einfach ein schrecklicher Ort.

 

So stand ich nun da mit meinem Wissen um die Umstände und meiner persönlichen Betroffenheit. Ich beschloss, dass ich Dabi und seiner Familie die Unterkunft im Gästehaus bezahlen würde. Ihr Registrierungsprozess wird sicher drei bis vier Tage in Anspruch nehmen.


Eben habe ich Dabi getroffen, sofort lud er mich auf ihr Zimmer ein. Er bedanke sich noch einmal und ich bekam ein Glas Saft. Eigentlich war der für die Kinder – jetzt war ich der einzige, der davon trank. Noch einmal erzählte Dabi mir die Geschichte von ihrem Beinahe-Untergang. Er zeigte mir eine Seenotpfeife, die er mitgenommen hatte und mit der er um Hilfe gepfiffen hatte. Er war so bewegt, dass er die Pfeife kaum loslassen konnte.

Ich erklärte ihm, dass ich die Kosten für das Zimmer übernehmen würde. Da holte er unter Tränen einen wasserdichten Brustbeutel unter seinem Hemd hervor und zeigte mir den Inhalt: 1.700 Euro. „I have! I have!“ (Ich habe! Ich habe!). „Du hast Familie. Du musst Bus, Schiff, Bahn bezahlen. Unterkunft und Essen. Ihr habt einen langen Weg vor euch. Dafür ist es sehr wenig Geld“, sagte ich ihm. Wir weinten beide.

 

Da es sich um Eure Spendengelder handelt, hoffe ich auf Eure Zustimmung.

Ich habe selbst Erfahrungen in der Entwicklungshilfe sammeln dürfen und weiß, wie Gelder sich in Verwaltungen und sinnlosen Projekten auflösen. Deshalb habe ich für mich ganz persönlich den Grundsatz getroffen, entweder selbst zu helfen oder nur dort zu spenden, wo ich es auch tatsächlich überprüfen könnte (was ich nicht immer mache). Mein Handeln, das durch Eure Unterstützung möglich wird, ist in dieser Flüchtlingskrise mein Beitrag.

Ich habe mir schon Gedanken gemacht, wie ich die Spendengelder einsetzen kann, die über meine Ausgaben hinausgehen. Dies ist gar nicht so einfach. Denn auch hier wird jede Menge Geld verschwendet. Unser Feldlazarett ist beispielsweise in Teilen besser ausgerüstet, als manches kleine Krankenhaus. Und die Ärzte gehen sorglos mit den Sachen um. Bekommt der Patient eine Tablette, wird die Restpackung nicht weggeräumt, sondern einfach irgendwo abgelegt. Fällt runter, wird platt getreten oder vergessen – es muss eine neue Packung aufgemacht werden.

Verantwortungsvoller Umgang mit Material sieht anders aus, auch wenn es sicher gute Erklärungen dafür gibt (viele Patienten, das allgemeine Chaos, viel Arbeit und wenig Freizeit etc.).


Kaum Strukturen und fehlende Führung machen das Camp Moria sehr uneffizient. Dieses Problem können die Freiwilligen nicht lösen, denn es muss politisch angegangen werden. Für mich bedeutet es aber auch ein ungutes Gefühl, hier einfach Spendengelder abzugeben. Ein gutes Gefühl habe ich jedoch bei dieser Familie. Es sind sechs Menschen, bei denen vielleicht 200 oder 300 Euro einen entscheidenden Unterschied machen. Im Angesicht des ganzen Leids, dass an anderen Stellen noch viel größer ist, ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ich bin überzeugt, dass es richtig ist. Dazu bitte ich Euch um Euer Vertrauen in meine Entscheidung.

Vielen Dank!

28.12.2015 – Lesbos


 

Was es heißt, ein Flüchtling auf Lesbos zu sein

 

Die Reise nach Lesbos beginnt in der Türkei. Bis vor ca. zwei Wochen kamen die meisten im Norden von Lesbos an, da dort die Entfernung nur ca. 8km beträgt. Nachdem das Abkommen zwischen Europa und der Türkei beschlossen wurde, nahmen die Küstenwachen beider Länder wieder ihre Patrouillenfahrten auf. Auch wird nun der entsprechende Strandabschnitt auf türkischer Seite strenger bewacht. Die Flüchtlinge sind gezwungen, auf die längere und gefährlichere Passage im Süden auszuweichen.

 

Die Schlepper erzählen ihn oftmals, dass die Überfahrt sicher ist, doch wenn die Überfahrt losgeht, sind die Boote oft hoffnungslos überfüllt. Meist sind es Schlauchboote, auf die bis zu 60 Personen gequetscht werden, Kinder nicht mitgezählt. Ist das Wetter schlecht, sinkt der Preis für eine Überfahrt. Jetzt in der Winterzeit liegen die Preise zwischen 500 und 1.000 Euro pro Person. Manchmal versuchen die Schlepper Geld zu sparen, indem sie den Tank nicht voll befüllen. Mehrere Flüchtlinge haben berichtet, dass ihnen unterwegs der Sprit ausgegangen ist – sie sich treiben lassen mussten oder von der Küstenwache aufgegriffen wurden.

 

Flüchtlinge, die im Norden landen, kommen zuerst in Transitlagern unter, bevor sie ein oder zwei Tage später mit Bussen nach Mytelini gefahren werden. Flüchtlinge, die direkt bei Mytelini (über die Süd-Passage) landen, werden an den Stränden aufgelesen und in eines der drei offiziellen Camps gebracht.

Das Camp Pikpa ist für besonders Schutzbedürftige, also Minderjährige ohne Begleitung, Behinderte, Kranke, aber auch Opfer von Vergewaltigungen. Pikpa befindet sich im Süden von Mytelini am Flughafen.

Das Camp Kara Tepe liegt am nördlichen Stadtrand von Mytelini und ist eine kleine Zeltstadt. Hier kommen ausschließlich Syrer unter. Ihr Flüchtlingsstatus ist in der Regel eindeutig und sie können schneller weiter geleitet werden.

Das dritte Lager ist das Camp Moria. Hierher kommen die meisten Flüchtlinge bzw. werden sie von hier auch weiterverteilt auf die beiden anderen Camps.


Wenn ein Bus mit Flüchtlingen ankommt, bekommen sie bei der Kleiderkammer trockene Klamotten, Schuhe, Decken oder Schlafsäcke. Es langt aber nicht immer für alle – gerade Schuhe sind knapp. Dann müssen trockene Socken ausreichen, die in ein Stück Rettungsdecke gewickelt werden. Das Teezelt kocht heißen und süßen Tee, das Essenszelt macht Suppe oder was immer sich aus den vorhandenen Mitteln zaubern lässt. Das medizinische Personal vom Health Point Project verschafft sich einen groben Überblick, versucht besonders Schutzbedürftige oder Kranke zu identifizieren. Andere Freiwillige klären sie über das Camp Moria auf, suchen Schlafplätze in Zelten oder entzünden Lagerfeuer.

Für besonders Schutzbedürftige versucht man einen Platz im offiziellen Lager zu bekommen, oder sie an die Caritas weiter zu vermitteln, die ein Hotel für solche Menschen angemietet hat.

 

offizielles Lager

 

In der Türkei steht den Flüchtlingen keine Gesundheitsversorgung zu und viele berichten, dass sie dort schlecht behandelt wurden. Oft kommen sie mit Krankheiten oder Verletzungen ins Feldlazarett, die schon längst hätten behandelt werden müssen. Typisch sind auch Stacheln von Seeigeln, da manche Flüchtlinge ihre Schuhe ausziehen, weil es das einzige Paar ist, welches sie besitzen. Immer wieder kommen unterkühlte und völlig entkräftete Menschen ins Feldlazarett. Oft sind dies Mütter oder Schwangere, die ihre letzten Kräfte aufgeboten haben und nun einfach zusammenbrechen.

 

Sind die neu angekommenen Flüchtlinge mit dem Notwendigsten versorgt, müssen sie sich ihren Platz im Lager suchen. Die meisten kommen nicht in den offiziellen Lagern unter, sondern in den illegalen Camps drum herum. Hier gibt es Igluzelte, kleine Pastikhäuser, eine Zelthalle und mehrere Großzelte. Überall schaut man hinein, um vielleicht noch einen Platz zum Schlafen und für seine persönlichen Sachen zu entdecken. Da die Flüchtlinge nur wenige Tage bleiben und das Camp keine wirkliche Infrastruktur (Müllplatz, Waschmöglichkeiten etc.) hat, häuft sich in den Zelten Müll und Dreck an. Wenn das Feuerholz gerade knapp ist, wird auch dieses verbrannt. Wer keinen Platz in einem Zelt finden kann, muss draußen auf Pappkartons oder einer Decke schlafen.

 

Illegales Camp

 

Morgens heißt es dann, sich für die Registrierung anzustellen. Dazu haben die Flüchtlinge ein kleines Ticket, mit dem Datum ihrer Ankunft darauf. Heute am 28. Dezember werden z.B. die Flüchtlinge registriert, die am 24. Dezember angekommen sind. Schon gegen 4 Uhr fangen die Leute an, sich am Eingang von der Registrierung aufzustellen. Die Registrierung wird von der Grenzschutzagentur FRONEX durchgeführt. Der Prozess dauert zu lange, so dass es einen Rückstau gibt. Manchmal wird aber auch die Registrierung im Camp Kara Tepe eingestellt, so dass sie zusätzliche Flüchtlinge hier registrieren lassen müssen. Vor dem Registrierungszentrum bildet sich eine große Menschenmenge. Die Polizei schafft es nicht, rechtzeitig da zu sein und die Masse von Anfang an in vernünftige Bahnen zu lenken (d.h., die Polizei ist schon da, aber verkriecht sich über Nacht in ihrem schönen warmen Mannschaftsbus). Die Situation ist immer kurz vor der Eskalation, wenn Bewegung in die Masse kommt. Dann zwingt die Polizei die Flüchtlinge niederzuknien, um so die Bewegung rauszunehmen. Die Flüchtlinge warten stehend oder kniend darauf, dass sie eingelassen und registriert werden. Jeder Flüchtling muss persönlich erscheinen, weswegen sich auch Kinder und Alte sich dieser Tortour unterwerfen müssen. Nur für ganz besondere Fälle gibt es ein Schnellverfahren, von dem keiner so richtig weiß, wie es funktioniert.

 

Abends um 10 Uhr werden nur noch Iraker und Syrer mit Reisepass registriert. Alle anderen müssen dann wieder zu ihrem Platz im Lager zurück. Doch auch die richtige Nationalität und der Reisepass bedeuten nicht, dass man sich einen Tag anstellt und dann seine Registrierung hat. Auch hier stehen Menschen über Nacht an, um dann morgens weggeschickt zu werden. Es ist ein Glücksspiel und offiziell dauert die Registrierung zwischen 12 und 72 Stunden. Es gibt aber auch Menschen, die seit mehreren Wochen nicht registriert wurden.

 

Wer nicht registriert ist, darf das Lager nicht verlassen. Wer es dennoch tut und aufgegriffen wird, wird verhaftet. Im Moment haben Marokkaner, Tunesier und Ägypter keine Chance auf Registrierung. Doch es gibt auch viele andere Nationen, darunter sogar ein Kubaner, wo die Registrierung fraglich ist. Sie sind quasi gefangen im Lager. Das Lager an sich hat keine wirkliche Struktur. Es gibt mittlerweile ein Gebetszelt, das von einem Imam betreut wird, daneben verschiedene Teezelte, einen Infostand vom UNHCR, jede Menge fliegende Händler, die von Decken bis Alkohol alles feilbieten und sogar einen kleinen Kindergarten. Nichts desto Trotz besteht der Alltag der meisten Flüchtlinge aus Warten, Rumsitzen, Anstehen, Schlafplatz suchen und Überleben.

 

Da das Lager eigentlich nur ein Durchgangslager ist, bildet sich kein Verantwortungsgefühl bei den Flüchtlingen. Überall liegt Müll und Dreck, die wenigen Klos sind eine Katastrophe. Das Brennholz ist mittlerweile frisch und feucht, über dem ganzen Lager steht eine scharfe Rauchwolke. Doch wenn der Tag vorüber ist, treffen sich Flüchtlinge am Lagerfeuer und singen gemeinsam … es ist ein Ansingen gegen Trostlosigkeit und Verzweiflung. Aber es gibt auch immer mehr Drogen und Alkohol im Lager. Die Aggressionen nehmen zu Prügeleien und Messerstechereien sind fast alltäglich.

 

Jeder ist froh, wenn er das Lager verlassen kann. Zu Fuß, mit Bus oder Taxi geht es dann zum Hafen, wo die Fähre wartet. Dreimal täglich verlässt eine Fähre mit Flüchtlingen den Hafen. Doch meist müssen die Flüchtlinge erst auf ihre Fähre warten, was mehrere Tage dauern kann. Es gibt verschiedene kleine Zeltstädte um den Hafen herum und auch hier übernehmen Freiwillige die Versorgung, bis man einen Platz auf der Fähre hat.

Endlich runter von dieser Insel. Nach Athen und von dort aus weiter … jeder mit seinem ganz persönlichen Ziel.

 

 

Die Nachtschicht