Berichte aus Lesbos Januar 2016

01.01.2016 – Camp Moria

 

Neues Jahr – Neue Nachrichten

Es ist Neujahr, 9 Uhr – gerade komme ich von der Nachtschicht aus dem Flüchtlingslager.

Die beiden letzten Nächte waren ruhig, denn wir haben Ostwetterlage. Kalter Wind mit 8 Beaufort kommt aus der Türkei und wühlt das Meer auf. Seit drei Tagen hat kaum mehr ein Flüchtlingsboot Lesbos erreicht. Eines ist gekentert und 15 Menschen ertranken, drei andere Boote, die die türkische Küste verlassen haben, sollen verschwunden sein. Viele Boote warten nur darauf, dass sich das Wetter bessert, um in See zu stechen.

Das Camp Moria hat sich – da es nur ein Durchgangslager ist – rasch geleert. Gestern haben 3.600 Menschen die Insel mit der Fähre Richtung Athen verlassen. Die Nachttemperaturen sind nun unter dem Gefrierpunkt, doch es muss keiner mehr draußen oder in Zelten schlafen. Die Räume für Familien mit besonderem Schutzbedarf stehen derzeit allen Familien offen.

Die Refugee Housing Units (sogenannte Ikea-Häuser, aus Plastik zum Zusammenstecken) bieten genügend Platz für die verbleibenden alleinreisenden Männer. Und auch wir haben gestern Nacht die Betten in unserem Krankenhaus für Nicht-Kranke zur Verfügung gestellt. Überall stehen verlassene Zelte, die im Wind flattern. Sie werden abgebaut und falls möglich bei Bedarf wieder ausgegeben. Die Decken und Schlafsäcke werden gereinigt und kommen ins Materiallager.


 

 

"Ikea-Haus"

 

Im Moment herrscht im Krankenhaus Personalmangel und ich teilte mir die Nachtschicht mit einer schwedischen Ärztin, Anna. Zu uns gesellte sich Sherif, ein Neurochirurg aus England von der Tagschicht. Heute wird er abfliegen und es fiel ihm sichtlich schwer loszulassen.

Auch kamen noch andere, die nicht auf dem Dienstplan standen, so dass wir nachher eine Truppe von 12 Mann waren – Ärzte, Hebammen, Übersetzer, Psychologen. Ihnen stand nicht der Sinn nach einer Silvesterparty in einer Taverne in Panagiouda, während hier oben im Lager Menschen froren und angst- und hoffnungsvoll zugleich in die Zukunft blicken.

Um 12 Uhr standen wir im Kreis und stießen mit Rotwein an. Jeder sagte seinen Wunsch für das Jahr 2016, dann schlugen wir eine improvisierte Glocke (eine aufgehängte metallene Thermosflasche und ein Reflexhammer) 12 Mal und jeder musste zu jedem Schlag ein Gummibärchen essen. Dies hatte Gabriella, eine Masseuse aus Spanien vorgeschlagen. Es ist ein spanischer Brauch, damit die Wünsche in Erfüllung gehen. Normalerweise nimmt man Weintrauben, doch die hatten wir nicht.

Um halb zwei waren dann alle gegangen. Anna und ich blieben übrig – eine Kardiologin und ein Rettungsassistent. Und um zwei kam unser erster Patient mit Zahnschmerzen. Glücklicherweise hatte mir ein Zahnarzt vor ein paar Tagen erklärt, wie man eine Zahnwurzelentzündung erkennt. Die Symptomatik passte ziemlich genau. Ohne dieses Wissen hätten wir nur Schmerzmittel gegeben und die Gefahr, dass sich die Entzündung ausbreitet und Folgeschäden verursacht, wäre groß gewesen. So versorgten wir den Patienten zusätzlich mit Antibiotika – vielleicht hilft es bis zum Zahnarzt in Athen, im Lager gibt es aktuell keinen mehr.


Dann legten wir uns hin. Anna auf die Patientenliege, ich mich auf eine Matte auf dem Boden. Da es sehr kalt ist und das Licht sich nicht ausschalten lässt, schläft man mit Klamotten und Schuhen und zieht sich die Mütze über die Augen. Es ist laut im Feldlazarett, die Außenhaut aus dicker Folie bläht sich schlagend im Wind, eine Heizkanone tut ihr übriges dazu; draußen rattert das Stromaggregat, welches das Camp mit Strom versorgt. Um sechs Uhr bin ich aufgewacht, Anna hatte keinen Schlaf gefunden.

Wir fingen an, das Lazarett für die Tagschicht aufzuräumen und aßen kalte Pizza von der vorigen Tagschicht. Um 8 Uhr kamen Richarb, ein Medizinstudent aus Norwegen, und David ein frisch gebackener und arbeitsloser Arzt aus London. Sie brachten uns Tee vom Teezelt mit. Während wir tranken, machten wir die Übergabe. Dann machte ich mich auf den Heimweg. Als ich die Tür vom Lazarett öffnete, flutete Sonnenlicht über das Camp, an zwei Feuertonnen standen wenige Flüchtlinge und wärmten sich. Genau in diesem Moment fing es an zu schneien. Selten habe ich eine so surreale Situation erlebt.


Im Lager selbst zeichnen sich einige Änderungen ab. Es werden mehr Zäune gezogen, um die wilden Lager zu hindern, in die umliegenden Olivenhaine zu wachsen. Das bedeutet aber auch, dass zukünftig die Flüchtlinge auf engerem Raum zusammenleben müssen. Wenn es nach dem UNHCR geht, das das Lager vom Schreibtisch zu planen scheint, wird es nur noch eine Kleiderkammer geben. Dann werden durchfrorene Flüchtlinge, die frisch ankommen, bei Nacht und Kälte z.T. quer durch das Lager gehen müssen, um sich mit Decken und trockenen Sachen einzudecken. Auch wird diese Kleiderkammer von einer offiziellen Organisation betrieben, was evtl. bedeutet, dass sie nur tagsüber geöffnet ist.

 

Ähnlich ist es mit "Ärzte ohne Grenzen". Jüngst hatten einige unserer Ärzte ein Gespräch mit Ihnen. Dort hält man es nicht für nötig, auch eine Nachtbereitschaft vorzuhalten. Bei Notfällen könnten die Flüchtlinge ja einen Krankenwagen rufen. Dass es an so einfachen Dingen wie der fremden Sprache liegt, sieht man nicht. Auch ist es durchaus nicht sicher, dass das Krankenhaus den Patienten aufnimmt.

Zur Sicherheit rufen wir zuerst immer die Notaufnahme an und fragen, ob wir den Patienten schicken können. Meistens klappt dies, aber wir mussten auch schon einen Patienten im Status Epilepticus (nicht endender Krampfanfall) bei uns behandeln und durch die Nacht überwachen – das obwohl es sich um eine lebensbedrohliche Situation handelt. Fast jede Nacht sehen wir, wie wichtig es, dass eine Rundum-die-Uhr-Versorgung gewährleistet ist. Und wenn es nur zur Stabilisierung des Patienten ist, der Rettungswagen braucht meist mehr als 20 Minuten für die 10 Kilometer.

 

Fotos vom offiziellen Lager sind verboten und schon mehr als einmal wurde ich von Polizisten angesprochen, wenn ich dort mit meiner auffälligen alten Spiegelreflexkamera rum lief. Theoretisch hätten sie die Möglichkeit, mich zu verhaften. Aber da es kein Display gibt, auf dem man sehen kann, was ich fotografiert habe und ich ein paar griechische Worte drauf habe, konnte ich mich immer gut rausreden. Insgesamt merkt man aber schon, dass sich die Situation verschärft. Man setzt weniger auf das Potential der Freiwilligen und Flüchtlinge ein harmonisches Miteinander zu gestalten. Stattdessen gibt es mehr Einschränkungen durch Regeln und Zäune. Doch diese entsprechen eher den Vorstellungen der Theoretiker und Planer und weniger den Bedürfnissen vor Ort.

 

Von Dhabi und seiner irakischen Familie habe ich eine Nachricht bekommen. Sie haben Lesbos vorgestern verlassen und befinden sich nun in Kavala im Norden Griechenlands. Von dort aus fahren sie mit dem Bus nach Skopje, der Hauptstadt Makedoniens, und dann weiter über die Balkanroute. In kurzer Zeit sind wir Freunde geworden und ich hoffe inständig, dass sie ihren Weg finden werden – er ist insbesondere in dieser Jahreszeit – alles andere als ungefährlich. Für ihre Unterkunft hier im Hotel musste ich übrigens nur 100 Euro bezahlen, Georgia hat mir einen Sonderpreis gemacht.

 

Zum Abschluss möchte ich noch meinen Wunsch für das neue Jahr offenbaren: Ganz egoistisch habe ich mir ein warmes Zimmer mit warmen Wasser gewünscht. Und ganz sicher wird dieser Wunsch auch in Erfüllung gehen. In Gedanken habe ich mich mir noch drei andere Dinge gewünscht. Doch die sind zu kompliziert zu erklären und es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich nicht erfüllen. Deshalb behalte ich sie für mich. Schließlich sollen ja nur unausgesprochene Wünsche in Erfüllung gehen...

Schlaflos auf Lesbos

03.01.2016 – Panagiouda


Ich wechsele gerade von einer Tagschicht in die Nachtschicht, was bedeutet, dass ich fast 24 Stunden vom Camp weg bin und in meinem Hotelbett schlafen kann. Es ist auch ein bisschen Zeit, um einmal zurückzutreten und ein wenig über das Erlebte nachzudenken.

Ich merke durchaus, wie ich gegenüber der Alltäglichkeit des Leids stumpf werde. Zum einen ist dies notwendig aufgrund mangelnder Ressourcen. Wenn ich um 9:00 Uhr durch das Camp streife, um besonders Schutzbedürftige zu entdecken oder die Menschen mit Schlafsäcken, Decken, Zelten, Rettungsdecken zu versorgen, dann muss ich abwägen. Männer, die um ein Feuer sitzen, aber keine Decken haben, bekommen keine, wenn wir knapp an allem sind und das Camp voll ist. Allenfalls den Rat, wo sie heißen Tee und Feuerholz bekommen können. Auf der anderen Seite sind die Not und das Leid so alltäglich, dass man es ein Stück weit ausblenden muss und kaum mehr wahrnimmt.

 

Ich weiß, dass hinter vielen ganz persönlichen Problemen strukturelle Probleme stecken. Verletzungen, Unterkühlungen, Traumatisierungen rühren beispielsweise von lebensbedrohlichen Überfahrten in kleinen Schlauchbooten. Dies, obwohl es eine Fährverbindung zwischen der Türkei und Lesbos gibt. Aber es ist von höherer Stelle nicht gewollt, dass Flüchtlinge diese nutzen können. Es ist auch nicht gewollt, das Flüchtlingslager so zu organisieren, dass menschenwürdige Zustände herrschen. Damit programmiert man quasi Frust, Leid, Drogenmissbrauch, Gewalt, schlechte Gesundheitszustände.


Angesichts des Widerspruchs zwischen dem was möglich wäre und der Realität bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als all dies ein Stück weit auszublenden. Sonst bliebe wohl nur die Verzweiflung. Doch auch wenn man mit der Zeit stumpf gegenüber vielem hier im Camp Moria und hier auf der Insel Lesbos wird, dringt die grausame Realität doch immer wieder zu einem durch.

 

Vor ein paar Tagen kam eine Mutter, völlig am Ende ihrer Kräfte, mit ihrem dreijährigen Kind und der Großmutter ins Feldlazarett und brach dort zusammen. Sie hatte hohes Fieber und war dehydriert. Nachdem wir sie in die Seitenlage gebracht hatten, versuchten wir einen venösen Zugang zu legen, um sie mit Infusionen zu versorgen. Aufgrund ihres Zustandes waren die Venenverhältnisse miserabel und einige Nadeln wurden verstochen.

Hinzu kam, dass das Kind sich fest an die Mutter klammerte und diese nicht loslassen wollte. Die Großmutter erklärte uns, dass es mit ansehen musste, wie der Vater in Syrien getötet worden war – seitdem klammerte es sich an die Mutter. Alle Versuche an Händen und Unterarmen waren vergeblich. Als nächstes wollten wir es in der Ellenbeuge versuchen. Wir hatten es bisher hier nicht probiert, da wir beim Betasten nur schwach eine tiefliegende Vene fühlten. Auch musste hierfür das Kind von der Mutter getrennt werden. Da ich die meiste Erfahrung mit venösen Zugängen habe, sollte ich es probieren. Ich weiß, dass insbesondere bei schwierigen Venenverhältnissen es wichtig ist, ruhig zu bleiben und sich auch Zeit zu nehmen. Es bringt nichts, wenn die letzte Vene hektisch verstochen wird und dann der Patient noch länger auf den Notarzt warten muss.

Das ganze Prozedere dauerte gut drei Minuten, bis die Nadel saß, die Infusion angeschlossen und alles sauber und sicher verklebt war. Die ganze Zeit über schrie das Kind gellend nach seiner Mutter, die nicht mehr reagierte. Diese Schreie gehören zu den Dingen, die man ganz sicher nicht ausblenden kann. Und ich war sehr froh, dass meine Schicht kurz darauf beendet war.

 

Wenn ich nachts in unseren Bettentrakt gehe, um nach den Patienten zu sehen, gibt es auch immer wieder Momente, die in Erinnerung bleiben. Oft kommen Männer mit einem kleinen Problemchen zu uns – Zahnschmerzen oder einen kleinen Wunde. Beim Versorgen brechen sie psychisch zusammen und weinen hemmungslos. Wenn Platz im Bettentrakt ist, bringen wir sie dorthin. Jemand bleibt bei ihnen und sie bekommen Tee und was zu essen. Immer mussten sie auf dieser Flucht stark sein, haben liebe Menschen verloren oder gerade erfahren, dass sie diese Insel niemals in Richtung Europa verlassen werden. Was sie dann brauchen, ist ein Stück Geborgenheit, ein Schutzraum, wo sie nicht stark sein müssen.

Wir bieten ihnen an, dass sie die Nacht im Lazarett verbringen können, was viele gerne annehmen. Da es gerade sehr kalt ist, schlafen die Patienten in ihren Kleidern und mit mehreren Decken zugedeckt. Meist sind nur ihre Gesichter frei. Diese Gesichter zucken, verzerren sich und man sieht den Schmerz, den die Schlafenden dann im Traum erleben. Tränen rinnen aus den geschlossenen Augen, doch kaum einer wirft sich hin und her oder gibt einen Laut von sich. Es ist stilles Leid, dass sich in ihren Gesichtern so stark widerspiegelt und das mir tief unter die Haut fährt.


Gestern kam eine Familie zu uns, der Vater trug ein fünfjähriges Mädchen auf dem Arm. Die Hose war durchnässt, da es vom Boot durchs Wasser zum Strand gehen musste. Die Eltern trugen Gepäck und die jüngeren Geschwister. Ankommen am Strand, die Gruppe sortieren, ab in den Bus und ins Camp dauert länger als eine Stunde. Das Mädchen hatte eine mittelstarke Unterkühlung und war nicht mehr erweckbar. Auf äußere Reize reagierte sie nicht. Selbst als ich zur Bestimmung ihres Blutzuckers in den Finger stach, zuckte sie nicht. Die Herzfrequenz lag bei ca. 50 Schlägen pro Minute – normal wäre etwas um die 80.

Da mehrere unterkühlte Menschen zeitgleich eintrafen, teilten wir uns auf und ich kümmerte mich um die Kleine. Zog ihr Hose und Schuhe aus, legte ihr Wärmflaschen an Bauch und Rücken, wickelte sie in eine Rettungsdecke und mehrere andere Decken. Ich zog ihr eine Mütze über, da man über den Kopf die meiste Wärme verliert und drehte das ganze Paket auf die Seite. Zur Überwachung steckte ich ihr ein Pulsoxymeter an den Finger. Das Pulsoxymeter zeigt den Puls und die Sauerstoffsättigung an. Ganz langsam stiegen Herzfrequenz und Körpertemperatur. Ich saß mit der Familie am Bett und beobachtete die Kleine. Als der Fingerclip vom Pulsoxymeter verrutschte korrigierte ich ihn. In diesem Moment schloss sich die Hand des Mädchens um meinen Zeigefinger und hielt ihn fest ….


Ich bin sehr dankbar für diese Momente. Denn in dieser ganzen Katastrophenroutine sind sie es, die mir verdeutlichen, warum ich und wir alle eigentlich hier sind. Es geht um Menschlichkeit und Nächstenliebe – dessen sollte man sich immer bewusst sein!

Jens Engel im Einsatz

05.01.2016 – Camp Moria

Das Wetter auf Lesbos ist im Moment sehr turbulent. Nach einer kalten und stürmischen Ostwetterfront haben wir nun Südwetter. Die Temperaturen sind wieder zweistellig, doch gibt es immer wieder Sturm und Stark-Regen. Das Flüchtlingscamp ist mittlerweile mehr als einmal abgesoffen und hat nun seinen eigenen See – den Lake Moria. Die gerade mit Kies aufgefüllten Wege wurden weggeschwemmt und man versinkt zum Teil knöcheltief im Matsch. Zum Glück kommen aktuell nur wenige Flüchtlinge an, da die See rau ist. FRONTEX hat über die Feiertage und zwischen den Jahren jedoch die Registrierung stark verlangsamt oder ausgesetzt, so dass das Camp nicht so leer ist, wie es sein könnte. Bei Sturm sind die Schutzstelle für Familien und auch die Plastikhäuser gerammelt voll.


In dieser angespannten Lage hatte ich gestern Nachtdienst; zusammen mit Stefan, einem deutschen Notarzt aus Berlin. Es tut sehr gut, mit einem Notfallmediziner zusammen zu arbeiten. Wir denken und arbeiten sehr ähnlich – das macht Spaß.

Zu Beginn der Nachtschicht bin ich durch das Lager gegangen und habe nach Familien Ausschau gehalten. In einem Zelt war eine neunköpfige Familie, darunter zwei kleine und kranke Kinder. Ich konnte die Familienschutzstelle nicht mit dem WalkiTalki erreichen, also musste ich rüber laufen, um zu fragen, ob noch Platz sei. Mama, Papa und die Kinder würde man noch unterbekommen. Also zurück zur Kleiderkammer, Regenponchos holen, damit die Familie nicht allzu sehr nass wird. Dann zurück zum Zelt, Kinder einpacken und rüber zur Schutzstelle. Das Camp liegt an einem Hang, es haben sich Sturzbäche gebildet und teilweise waren die Wege einfach nicht mehr da. Nachdem die Familie abgeliefert worden war, bin ich zurück ins Feldlazarett, um dort meine Kleider an der Heizkanone zu trocknen.


Da kam Stefan um die Ecke, um mich zu holen. Im Küchenzelt sei eine unterkühlte Frau. Wir nahmen eine Notfalltrage mit und machten uns auf den Weg. Jessica, eine Medizinstudentin aus den USA blieb allein im Lazarett zurück.

Im Küchenzelt kein Licht und keine Heizung, die Frau zitterte sehr stark, ihre Körpertemperatur lag bei 33,1°C. Bei Unterkühlung versorgt der Körper hauptsächlich den Körperkern mit warmem Blut, Arme und Beine sind minderversorgt. Es ist nun sehr wichtig, dass der Patient sich nicht möglichst nicht bewegt, da so kaltes Blut aus Armen und Beinen zum Körperkern gelangen kann. Die Körperkerntemperatur würde weiter fallen – der so genannte After Drop. Dies kann Herzrhythmusstörungen und noch einiges mehr auslösen.

Mit sechs Mann trugen wir die Frau also den schlüpfrigen Hang hinunter. Im Lazarett versorgten wir sie und wärmten sie langsam wieder auf. Schnell war sie, erschöpft wie sie war, eingeschlafen und wir legten uns hin. Stefan im hinteren Teil, wo ein Feldbett für das Personal steht, Jessica auf der Untersuchungsliege, ich legte mir eine Isomatte auf den Boden. Die Schiebetür verriegelten wir nicht. Dies hatten wir uns nach den Unruhen eigentlich zur Regel gemacht, doch der Regen trommelte so stark auf das Lazarett, dass wir befürchteten, das Klopfen von Patienten nicht zu hören.

 

Gerade hatte ich mir die Decke über den Kopf gezogen (das Licht lässt sich nicht ausschalten), da hörte ich, wie die Schiebetür aufging. Ein Freiwilliger mit einem jungen Mann trat ein. Im Arm hielt der Mann ein Bündel in Decken gehüllt. Darin ein kleines Mädchen, dessen Kleider durch und durch nass waren.

Sie waren vor ca. einer Stunde mit dem Bus angekommen und beim Anlanden war die Kleine ins Wasser gefallen. Jessica und ich brachten sie sofort nach hinten in den Bettentrakt. Zogen sie aus, wickelten sie in Rettungsdecke und Wolldecke. Soweit wir den Vater verstanden, war das Kind krank – Husten und Fieber. Nun waren Arme und Beine kalt, der Rumpf fühlte sich aber warm an. Ihre Temperatur lag bei 34°C. Ihre Vitalwerte waren soweit in Ordnung, auf der linken Lungenseite hatte sie ein normales, aber verstärktes Atemgeräusch. Der Vater machte uns deutlich, dass er zur Familie müsste, er würde wiederkommen.

Jessica weckte Stefan und auch er befand, dass die Kleine – Sirena ist ihr Name uns sie ist fünf Jahre alt - in Ordnung war. Allerdings sagte sie kein Wort, war sich jedoch der Situation voll bewusst. Als ich ihr, um ihr die Angst zu nehmen, an meinem eigenen Finger zeigte, dass das Anlegen des Pulsoxymeters (zum Messen von Puls und Sauerstoffgehalt im Blut) nicht weh tut, zog sie ihren Arm unter der Decke hervor und hielt mir ihren Finger hin. Selbst als der Vater ging, sagte sie nichts, sondern sah uns nur aus großen und müden Augen an. Sicherlich hatte sie die Bootsfahrt traumatisiert – bei Regen auf einem kleinen Schlauchboot acht Kilometer über ein aufgewühltes Meer …

 

Der Vater kam lange nicht zurück, sicherlich standen er und der Rest der Familie bei der Kleiderkammer an, um selbst trockene Sachen zu bekommen. Jessica hatte sich auf den Weg gemacht, um nach ihnen zu sehen. Ich setzte mich zu Sirena und schaute sie an – ich lächelte sie an, denn meine Sprache verstand sie ja nicht. Langsam gingen ihre Augen zu und sie schlief ein.

Stefan setzte sich zu mir. „Hast du Kinder?“, frage er mich.

„Nein.“

„Wie alt bist du?“, fragte er weiter.

Da wurde es mir bewusst. Seit zwei Stunden war der 5. Januar, ich hatte Geburtstag. Ich gebe nicht viel auf meinen Geburtstag und hier hatte ich ihn fast ausgeblendet.

„Jetzt 39“, sagte ich.

Doch vielmehr fühlte ich, dass es der Geburtstag von Sirena – ich mochte mir gar nicht ausmalen, welchen Horror sie in den letzten Stunden durchlebt hatte …

 

Später dann kam die Mutter. Sie saß am Bett ihrer Tochter und weinte. Wir kochten Tee und schoben die Betten zusammen, so dass sie dicht bei ihrer Tochter schlafen konnte. Da sie viel hustete, gab ich ihr einen Mundschutz, damit sie Sirena nicht noch ansteckte. Ich erklärte ihr, wo sie mich finden würde und legte mich wieder auf die Isomatte.

Keine halbe Stunde später gab es einen lauten Knall und die Lichter und unsere Heizkanone gingen aus. Der Wind hatte die Tür vom Schaltkasten des Generators aufgeweht und Regen war reingepeitscht. Einen Freiwilligen vom Konstruktionsteam gibt es nachts nicht.

Zusammen mit anderen Freiwilligen von der Kleiderkammer machte ich mich an die Reparatur. Der schwere Diesel lief noch, nur die Ausgangselektrik war ausgefallen. Wir fanden ein Rohr und etwas Belüftungsschlauch im Feldlazarett. Stecken es in den Auspuff und leiteten so die warmen Abgase in den Schaltkasten. Dann legten wir eine Plane darüber und beschwerten sie mit einem Stein. Hoffentlich würde so alle Feuchtigkeit in einiger Zeit weggetrocknet sein.


Als ich mich wieder zum Lazarett begab, hörte ich schon durch die Außenhaut, dass Sirena weinte. Ihre Mutter versuchte sie zu beruhigen und mit ein paar Taschenlampen machte ich etwas Licht. Die beiden anderen schliefen tief und fest. Sirena musste auf die Toilette, doch der Weg war in der Dunkelheit gefährlich. Also gab ich der Mutter einen Eimer. Als die beiden wieder im Bett waren, wickelte ich mich in eine Decke ein und setzte mich auf einen Stuhl im Eingangsbereich. Ohne Heizkanone wurde es empfindlich kalt.

 

Wir versuchten noch mehrmals die Elektrik wieder zu starten, doch jedes Mal flog der FI-Schalter mit lautem Knall und Lichtbogen raus. Um sieben Uhr wurde es langsam hell und wir erkannten, wie man die Frontblende der Elektrosteuerung abnehmen konnte. Wir fuhren den Diesel runter, nahmen alle Last weg, schalten die Sicherung ein und starteten den Diesel neu. Aus dem FI-Schalter kam ein Funkenregen, das angrenzende Plastik war schon stark verschmort. Dann knallte es wieder und mit einem Lichtblitz schaltete sich die Elektrik ab. Da das Konstruktionsteam erst ab 9 Uhr einläuft, bauten wir den FI aus und jemand machte sich auf den Weg nach Mytelini, um einen neuen zu besorgen. Ich schaute noch einmal nach Sirena, sie war weiterhin stabil.

Jessica und Stefan wurden wach und die Tagschicht tauchte auf. Wir machten eine schnelle Übergabe, dann ging ich raus zu Joram, einem Techniker vom Konstruktionsteam. Ich informierte ihn über den Generator und das erwartete Ersatzteil. Dann machte ich mich lehmverschmiert und mit Ruß vom Generator an Händen und im Gesicht auf den Heimweg.

Unterwegs holte ich mir ein Geburtstagsbierchen, das ich auf meinem Zimmer trank, durch das Fenster sah ich die Sonne. Dann ging ich ins Bett …


Heute Abend habe ich eine Nachricht von Dhabi bekommen. Ein Bild vom Bildschirm seines Smartphones. Darauf eine digitale Karte mit ihrem Standort: Ahrensplatz, Düsseldorf – na wenn das kein tolles Geburtstagsgeschenk ist!

Karte des Lagers Moria

07.01.2016 – Panagiouda

 

Das UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der UNO) hat heute eine neue Karte des Lagers Moria herausgegeben. Anhand dieser Karte kann man schön erkennen, wie „gut“ die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen funktioniert.

Auf der Karte endet das Lager an der Straße, die in nordwestlicher Richtung verläuft.

In der Realität geht das Lager jedoch auf der anderen Seite der Straße weiter. Hier befindet sich der sogenannte Afghan Hill. Nicht nur, dass hier hunderte Flüchtlinge Unterkunft finden. Es werden auch die folgenden Einrichtungen ausgeblendet:


Küchen- und Essensausgabezelt

(Hier werden täglich mehrere hundert Flüchtlinge mit Nahrung versorgt. Weiterhin dient es als primäre Notunterkunft für ankommende Flüchtlinge)

 

Kleiderkammer

(Hier bekommen Flüchtlinge rundum die Uhr Kleidung, Schuhe, Zelte, Schlafsäcke, Decken)

 

Teezelt

(Hier werden Flüchtlinge mit heißem Tee und kleinen Snacks wie Suppen, Schokoriegel, Früchten versorgt)

 

Kindergarten

 

Moschee / Andachtsraum

(Diese(r) steht allen Religionen offen und wird von einem Imam betreut)

 

Werkstattcontainer

(Hier lagern Holz und Werkzeuge, mit denen täglich das Lager verbessert und ausgebaut wird)

 

Feldlazarett

Das Feldlazarett ist, wie schon gesagt, die einzige medizinische Einrichtung, die rund um die Uhr den Flüchtlingen zur Verfügung steht. Wenn im offiziellen Lager die Ärzte im Feierabend sind und ein Notfall eintritt, werden wir gerufen. Auch kommen immer wieder Ärzte vom offiziellen Lager, weil sie bestimmte Medikamente oder medizinische Materialien benötigen, die es dort nicht gibt.

Gleiches gilt für die Kleiderkammer am Afghan Hill. Im Gegensatz zu dieser schließt die Kleiderkammer im offiziellen Lager irgendwann am Abend. Doch Flüchtlinge kommen auch nachts, sind nass und durchgefroren.


Ich schreibe dies nicht, weil es mir um Anerkennung geht. Oft lässt es sich ja sogar besser in einem nicht offiziellen Raum arbeiten. Doch das UNHCR blendet mit dieser Karte auch lebenswichtige Ressourcen aus. Da diese Karte auch im Lager aushängt, wäre es zumindest für Flüchtlinge wichtig zu wissen, wo sie Essen, medizinische Hilfe, Kleider etc. bekommen.

Doch dies auf der Karte darzustellen, hieße diesen inoffiziellen Teil in einer gewissen Weise anzuerkennen. Er hätte dann den Status einer Duldung. Aus der könnte sich ein Gewohnheitsrecht ableiten und das inoffizielle Lager wäre im Ernstfall eventuell schwieriger zu räumen. …

 

Willkommen in der großen Politik.

11.01.2016 – Panagiouda

 

Logiken einer Katastrophe

Es ist das Wetter, welches eindeutig die Zahl der Flüchtlinge bestimmt.

Der Januar ist dominiert von Kälte, Sturm und Starkregen, im Wechsel mit ein paar warmen Tagen. Alles in allem aber eher ungemütlich. Die Wetterlage hat dazu geführt, dass in den ersten 10 Tagen des Jahres 2016 nur 10.574 Flüchtlinge laut UNHCR-Statistik auf Lesbos angekommen sind (zum Vergleich kamen im letzten Jahr teilweise mehr als 3.000 Flüchtlinge pro Tag an).

 

Über die Feiertage und noch bis Mitte Januar sah die Personalplanung in unserem Feldlazarett ziemlich dünn aus. Das führte dazu, dass wir Langzeitfreiwilligen ziemlich viel Zeit im Camp verbracht haben.

Die Struktur des Lazaretts ist zu einem großen Teil anarchistisch aufgebaut. Dies bedeutet dass die Hierarchie flach ist, Entscheidungen meist im Konsens getroffen werden. Da niemals alle zur gleichen Zeit da sind, muss man oft mit den Entscheidungen leben, die andere getroffen haben. Auch das klappt recht gut. Tatsächlich ist es eine sehr positive Erfahrung für mich, in einer anarchistischen Situation zu arbeiten. Es ist zwar eine mehr schlecht als recht funktionierende Anarchie, doch sie funktioniert.

(Mit Anarchie ist nicht Chaos gemeint, so wie es immer fälschlicherweise von unseren Medien behauptet wird. Vielmehr meint Anarchie eine natürliche Ordnung, die ohne Hierarchie auskommt, da sie den Bedürfnissen des Menschen entspricht und über basisdemokratische Verfahren gelebt wird.)

 

Und dennoch gibt es so eine Art Direktorium, welches auch mit in der Gründungsphase dabei war.

Nach internen Streitigkeiten besteht dieses Direktorium nun noch aus einer Ärztin, die eher Lebemann- als Organisations- bzw. Führungsqualitäten hat, und einer jungen Frau mit einem Wirtschaftsstudium, aber keinerlei Erfahrung, wie eine Gesundheitseinrichtung funktioniert bzw. Mediziner ticken.

In Anbetracht der dünnen Personaldecke hätte man kreative Lösungen umsetzen können.

Z.B. hätte es nachts keines Arztes bedurft. Ich (erfahren in medizinischen Notfällen) und eine gut ausgebildete Krankenschwester (erfahren in vielen medizinischen Feldern) hätten eine Nacht locker abdecken können. Alles was zwischen Lapalie und Notfall gelegen hätte, wäre am nachfolgenden Tag vom Arzt behandelt worden. In einem sogenannten Vertrag mit dem Besitzer des Landes, auf dem das Feldlazarett errichtet ist, steht jedoch, dass immer ein Arzt anwesend sein muss.

Nach wie vor haben wir noch immer keine Anerkennung von der Inselregierung bzw. dem UNHCR (s. vorheriger Beitrag).

 

Aufgrund der Personalsituation hat unsere Spitze mit anderen Initiativen gesprochen und um medizinische Hilfe gebeten. Durch die Medienaufmerksamkeit gibt es insgesamt mehr als genug Mediziner auf Lesbos. Doch die meisten treiben sich an den Stränden rum, denn dort ist es spektakulär.

Fast alle Ärzte, die uns für ein oder zwei Wochen unterstützten, haben sich auch einmal den Strand „angetan“ – ein bisschen Katastrophengeilheit ist halt auch dabei. Und von allen kam bisher die Rückmeldung, dass sie sich am Strand überflüssig fühlten.

In der Regel arbeiten alle Initiativen mit Kurzzeitfreiwilligen. Die wollen aber in der kurzen Zeit auch was erleben. Und die Chancen, neue Helfer zu akquirieren, stünden schlechter, wenn sie nach ihrer Woche auf Lesbos Kommentare auf Facebook wie „Langweilig“ oder „Überflüssig“ hinterlassen würden. Aufgrund der wenigen ankommenden Flüchtlinge ist man bei den angefragten Initiativen also froh, dass man dem medizinischen Personal nun seinen Abenteuertrip doch noch im Camp Moria bieten kann.


Dann ist da noch dieses medizinische Personal einer anderen Initiative, das uns jetzt unterstützt, und bitte nur von 9 bis 16 Uhr arbeiten möchte. Das hat dazu geführt, dass unser Direktorium den Dienstplan umgeschrieben hat. Jetzt leisten wir Langzeitfreiwilligen zwar weniger Stunden, aber sehr oft in der Schicht von 23 bis 10 Uhr morgens.

Es ist eine unmögliche Schicht. Jeder der sich ein bisschen mit menschlichen Bedürfnissen auskennt oder mal Schicht gearbeitet hat, weiß, dass man eine Nacht nicht in Schichten aufteilen sollte; erst Recht nicht in welche, die in der Nacht anfangen und noch Teile des folgenden Tages mit abdecken.

Aber den aushelfenden Ärzten zu sagen, dass sie nur kommen können, wenn sie sich in den bestehenden Dienstplan einfügen, dazu sieht sich das Direktorium nicht in der Lage. Die Reputation könnte ja beschädigt werden … und auch hier steht man ja trotz aller gemeinsamen Interessen in Konkurrenz zu anderen Initiativen (um Spendengelder, Personal, Medienaufmerksamkeit etc.).

Dies ist eine typisch konsumorientierte Logik: Man konzentriert sich mehr auf das, was man noch zusätzlich haben will, anstatt Bestehendes zu bewahren. Aber wir sind schon so von dieser Logik vereinnahmt, dass wir gar nicht mehr merken, wie falsch wir denken.


Mir war es, auch wenn es sehr theoretisch und vielleicht auch langweilig ist, wichtig, diese Logik einmal heraus zu arbeiten. Denn aus meiner Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit und meiner kapitalismuskritischen Haltung sind mir diese Logiken hinlänglich bekannt. Und leider werden auch hier auf Lesbos dieselben Fehler begangen. Sie werden begangen aus der Geltungssucht Einzelner heraus. Aber auch weil wir Menschen zu oft denken, dass wir nach vorgegebenen Strukturen leben müssen, anstatt zu erkennen, dass wir selbst die Strukturen geschaffen haben und diese damit auch ändern können.

 

So, und damit genug herumtheoretisiert. Wie gehe ich also konkret mit dieser unbefriedigenden Situation um? Mir war es von Anfang wichtig, dass ich mein Handeln hier als einen Dienst verstehe. Es ist ein Dienst am Menschen und an der Würde des Menschen, und deshalb will ich ihn, so gut es mir möglich ist, leisten. Das geht nur, wenn ich auch auf mich achte und mich nicht verbrenne, was hier sehr leicht möglich ist. Ich muss also auch mal zurücktreten, innehalten und anderes denken. Deshalb habe ich in meiner Freizeit kaum etwas mit anderen Freiwilligen zu tun. Zu groß ist die Gefahr, dass sich die Gespräche nur um das eine drehen.

Dadurch habe ich zwar eine größere Distanz zu den anderen Helfern. Doch ist es gerade diese etwas unpersönliche Beziehung, die es mir ermöglicht, die Sache neutral zu analysieren und das Ergebnis dieser Analyse in die Runde geben. Ein bisschen habe ich eine Pufferfunktion in diesem System, aber es gelingt mir, die Diskussion vorwärts zu bringen … warten wir ab, was dabei heraus kommt.

 

Ansonsten nutze ich die Zeit, um die Struktur des Feldlazaretts zu verbessern. Ich baue unsere wilden Lagerbereiche mit Regalen aus. Bisher fliegen dort Koffer, Kisten, Taschen, Kartons wild durcheinander und keiner weiß, was wo drin ist. Mit den Regalen wird es möglich, dies endlich zu ordnen und Platz zu schaffen. Weiterhin werde ich einen Notfallraum errichten.

Bislang wurden die Notfälle im allgemeinen Untersuchungsraum behandelt - wo gleichzeitig andere Patienten darauf warten, untersucht zu werden und zu viele Doktoren ihre Meinung dazu abgeben. Diese wuselige Situation ist weder gut für den Patienten noch für die Ärzte.

Ich freue mich also, einen nachhaltigen Beitrag hier im Camp Moria leisten zu können und hoffe, dass es noch eine ganze Weile ruhig bleiben wird … wobei Gerüchte umgehen, dass in der Türkei bis zu einer Millionen Menschen auf ihre Überfahrt warten …

13.01.2015 – Panagiouda

 

Halbzeit

38 Tage liegen nun hinter mir, 37 vor mir. Halbzeit und damit ein Moment, um zurück, aber auch, um nach vorne zu schauen.

Tatsächlich kann ich voll und ganz hinter meinem Einsatz hier auf Lesbos stehen!

Ich bin in einer Zeit gekommen, wo es dringend notwendig war. Es war eine Zeit, insbesondere um Weihnachten herum, in der eine große Zahl von Flüchtlingen auf schlechte Wetterbedingungen und eine reduzierte Anzahl von Helfern getroffen ist. Mit meiner Ausbildung als Rettungsassistent und einer gewissen Krisenerfahrenheit war es mir möglich, verschiedene Situationen, von Einzelschicksalen bis zu Gesamtlagen, einzuschätzen und helfen zu können.

Das Feldlazarett hat sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt – dies insbesondere auch im Bereich der personellen Versorgung. Als ich anfing, rekrutierte sich eine Vielzahl der Ärzte und des Hilfspersonals aus Netzwerken der Gründer des Lazaretts. Die meisten waren in Hausarztpraxen tätig und entsprechend gestaltete sich die Arbeit im Feldlazarett.

Mittlerweile kommen die Mediziner aus weit mehr Ländern, haben oft Krankenhauserfahrung und bringen unterschiedlichste Schwerpunkte mit. Nicht nur die medizinische Versorgung hat sich dadurch extrem gebessert, sondern auch die Infrastruktur und Organisation des Feldlazaretts im Gesamten.

 

Aktuell haben wir – wie schon beschrieben – einen Rückgang der Anzahl der Flüchtlinge im Camp. Dies erlaubt uns, die Klinik weiter auszubauen. Hier kann ich gut durch meine handwerklichen Kenntnisse mit Rat und Tat zur Seite stehen. Insofern betrachte ich dies als einen Beitrag in die Nachhaltigkeit des Projekts.

Wie nachhaltig das Feldlazarett sein wird, hängt aber nicht nur von uns ab, sondern auch von offiziellen Stellen.

Insgesamt empfinde ich die Situation auf Lesbos angespannter als zu meiner Ankunft. Die Polizei kontrolliert nun die Freiwilligen an den Stränden – angeblich, weil sich Flüchtlinge darunter schmuggeln würden, die dann die Ankommenden bestehlen.

Jüngst wurde auch Freiwillige verhaftet, weil sie Schwimmwesten von einer Deponie (ohne zu fragen) geholt hatten, um daraus Isolierungen für Fußböden und Wände zu machen.

Gestern schien es ein Militärmanöver irgendwo in der Nähe des Lagers gegeben zu haben. Ab zwei Uhr hörte man bis in den Abend hinein jede Menge Schüsse, Einzelfeuer aber auch Maschinengewehrsalven. Mit ein bisschen Nachdenken erschließt man sich sicherlich die psychologische Wirkung auf Flüchtlinge, die aus Kriegsländern kommen …

 

Im Camp Moria werden die Zäune immer dichter. Standen vor zwei Wochen noch Tore offen, muss man nun oft einen langen Weg außen herum nehmen. Das bedeutet für uns z.B. ein Zeitverlust von 10 bis 15 Minuten, wenn wir zu einem Notfall in die Familienschutzstelle gerufen werden.

Doch aktuell wird in der Schutzstelle eine eigene medizinische Versorgung aufgebaut. Es sieht so aus, aus als ob nach und nach alle Versorgung im offiziellen Lager zentralisiert wird. Was dieses für die illegalen Lager drum herum bedeutet, kann ich (noch) nicht einschätzen. Vielleicht werden sie mit aller Infrastruktur niedergerissen, vielleicht werden diese dann auch nicht mehr gebraucht. Schön wäre es, wenn irgendwann die ganzen Freiwilligen in den illegalen Camps mit einem guten Gewissen und dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, nach Hause gehen könnten. Erfahrungsgemäß wird es wahrscheinlich nicht so harmonisch ablaufen …

 

Wenn ich zurückkehre, sehe ich eine Aufgabe für mich darin, weiter aufzuklären. Ich habe hier Einsichten bekommen und Erfahrungen machen dürfen, die nicht selbstverständlich sind. Daran koppelt sich für mich eine moralische Verpflichtung. Die Verpflichtung, meine Einsichten und Erfahrungen weiter zu geben, mit Menschen zu reden.

Die Ereignisse in Europa und insbesondere in Deutschland im letzten Monat (Terrordrohungen, Hetze, Silvester, Grenzsperrungen etc.) haben mich immer wieder gezwungen, mich und meine Arbeit zu hinterfragen. Ich konnte mir dadurch einen Standpunkt erarbeiten, den ich klar und mit gutem Gewissen vertreten kann. Ich versuche mich anzuhalten, die Dinge differenziert zu betrachten.

Beispielsweise wird ab einer gewissen Menge von Flüchtlingen, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, die Integration wirklich schwierig. Die Vorstellung einer gelungen Integration beschränkt sich bei Vielen auf ein friedliches Miteinander und dass es doch auch irgendwie „deutsch“ zugehen soll. Doch ich bin mir nicht sicher, ob diese Integration so passieren wird.

Deutschland hat sich schon und wird sich auch weiterhin verändern – Menschen haben sich zu Bahnhöfen und anderen Plätzen aufgemacht, um dort einfach für andere Menschen da zu sein.

Und der Fahrradweg zwischen Hostrup und Flensburg wird jetzt häufiger benutzt (vielleicht dadurch auch endlich mal ausgebessert). Das sind tolle Veränderungen aber andere Veränderungen werden uns nicht schmecken. Deutschland wird ein bisschen weniger „deutsch“ werden. Und auch ich habe mit meiner Arbeit hier meinen Anteil an diesem Stück „Überfremdung“.

Doch wenn ich mich frage, warum ich hier bin, dann weil ich an einem Ort in Europa, wo die Menschrechte mit Füßen getreten werden, dazu beitragen möchte, diese Menschwürde wieder herzustellen. Wenn uns Europäern die Menschenrechte soviel wert sind und sie universell gelten sollen, dann müssen wir insbesondere dort für sie einstehen, wo sie in Europa verletzt werden. Deswegen bin ich hier.

Damit bin ich ein Teil der Infrastruktur, welche die Flüchtlinge hierher kommen lässt. Und irgendwann werden sie weiterziehen nach Europa ... Doch das Kämpfen um Menschenwürde und die nachfolgenden Resultate daraus sind zwei verschiedene Dinge. Sie müssen getrennt voneinander betrachtet werden.

Diese differenzierte Betrachtung verstehe ich als Aufklärung. Sie ist wichtig bei all diesen Themen, sei es Überfremdung, die Silvesterübergriffe oder der islamischen Terror.

Ich wünsche mir, dass wir uns wieder öfter die Frage „Warum“ stellen. Und dass wir nicht bei der erstbesten Antwort stehenbleiben, sondern schauen, ob es weitere „Warums“ in dieser Antwort gibt. Es ist ein bisschen wie dieses Kinderspiel, das Eltern zur Verzweiflung bringt. Aber nur wenn wir immer wieder „Warum“ fragen, können wir zu den tatsächlichen Ursachen gelangen und daran arbeiten. Dazu möchte ich, wieder in Deutschland, meinen Beitrag leisten.


Zum Schluss habe ich noch ein kleines Update zu Dhabi und seiner Familie aus dem Irak: Sie sind nun in Gelsenkirchen und haben sich entschieden, dort zu bleiben. Wenn ich Ende Februar bei meinen Eltern im Westerwald bin, werde ich versuchen, sie zu besuchen. Sie freuen sich, in Deutschland zu bleiben und sie haben mir ein Foto geschickt, wo sie mit den Kindern einen Zoo besuchen. Ich glaube, dass freundliche „Willkommen“ hier auf Lesbos ist der erste Schritt zur Integration. Mit den positiven Erfahrungen, die Menschen hier machen, setzen sie auch ihren Weg nach Europa vielleicht mit etwas weniger Ängsten fort.

 

Dank der Arabisch-Übersetzung auf tagesschau.de konnte ich Dhabi erklären, warum Menschen vielleicht vor Flüchtlingen Angst haben, und wie wichtig es ist, zu versuchen, sich auf die Gesellschaft einzulassen. Ich wünsche mir, dass ihre Integration gelingt!


 

Arbeitsplatz

15.01.2016 – Camp Moria

 

Hilflos

Unsere Hauptaufgabe würde ich als Menschrechtsarbeit beschreiben: Menschen haben das Recht auf ein möglichst gesundes Leben. Dazu gehört auch der ganz normale Besuch eines Doktors. Diese Gesundheitsfürsorge ist das, was wir die meiste Zeit machen. Menschen kommen mit all ihren kleineren und größeren medizinischen Problemen zu uns. Sie werden empfangen, ernst genommen und behandelt. Oft ist es mehr als nur ein medizinisches Problem, sondern auch ein psychosoziales Problem – doch auch hier geht es den Menschen einfach nur darum, als Mensch wahrgenommen zu werden.

Und so unterscheiden wir uns nicht allzu sehr von einer Hausarztpraxis. Wir behandeln Husten, Schnupfen, Magen-Darm-Erkrankungen, Blessuren und noch vieles mehr und sind immer als Mensch für die Flüchtlinge da. Fast ausnahmslos alle bedanken sich, wenn sie das Feldlazarett verlassen und man merkt, dass diese Dankbarkeit von Herzen kommt. Diese Arbeit erinnert mich an einen Spruch aus dem Rettungsdienst: „Wir können manchmal heilen, oft lindern, immer aber helfen“.

Dass viele Menschen unser Krankenhaus mit einem Lächeln im Gesicht verlassen, lässt mich des Öfteren vergessen, wie zerreißbar der Faden ist, an dem unsere Hilfe hängt. Und manchmal bekommt man relativ drastisch vorgeführt, wie hilflos man ist.


Diese Nachtschicht begann recht entspannt. Wir waren zu dritt, Maria, eine Gynäkologin aus Griechenland, Eli, eine junge Krankenschwester aus der Schweiz, und ich. Es war sowenig los, dass wir uns daran machten, Medikamente einzusortieren und unsere Ausrüstung mal wieder zu überprüfen.

Da ging die Schiebetür zum Feldlazarett auf und eine Frau wurde hereingebracht. Kurze Zeit vorher hatte sie zwei kürzere Krampfanfälle gehabt. Eine Epilepsie war bekannt. Die Frau und ihr Ehemann gaben an, dass sie insbesondere dann krampfte, wenn sie unter Stress stand. Sie waren an diesem Tag mit dem Boot angekommen und jetzt ging es um Registrierung und Weiterreise.

Wir nahmen die Frau zur Beobachtung auf. Ihr neurologischer Status war nicht ok, was aber, ihren Angaben nach, in der Phase nach dem Krampfanfall immer so sei. Kaum hatten wir die Frau fertig untersucht und sie sich hingelegt, war sie tief und fest eingeschlafen. Wir verzichteten darauf, ihr einen Zugang (Infusion) zu legen, da wir kein Notfallmedikament hatten, das wir ihr bei einem neuen Krampfanfall hätten geben können. Dann machten wir uns wieder an die normale Arbeit.


Wieder öffnete sich die Schiebetür und ein Freiwilliger informierte uns, dass in der Familienschutzstelle eine Frau ein Kind bekam. Maria, die Ärztin, und ich schnappten uns das Geburts-Kit und den Notfallrucksack und machten uns auf den Weg. In der Krankenabteilung der Schutzstelle lag die Frau im Bett. Drumherum saßen vier Ärzte einer Organisation, die jüngst die medizinische Versorgung dort übernommen hatte – und Ellie unsere Krankenschwester war allein (mit einem nicht medizinischen Freiwilligen zu ihrem Schutz) im Feldlazarett.

Die Ärzte hatten uns gerufen, da sie nur bis Mitternacht arbeiteten und noch an die Strände wollten, um etwas zu erleben. Gerade in letzter Zeit, wo es ruhiger ist, habe ich oft den Eindruck, dass es hier eine Art Katastrophentourismus gibt. Immer wieder streifen „Freiwilligengruppen“ durch das Camp und machen ihre Fotos. „Es ist ja gerade nichts los auf der Insel, da wollen wir uns ein bisschen umschauen.“

Das ist bestimmt ok, aber wenn man dann hört, dass diese Freiwilligen nur eine Woche bleiben, dann kommt man schon ins Grübeln. Es wird sich nicht informiert, ob und wo Hilfe nötig ist, sondern man geht von sich aus. Möchte was erleben und bestimmte Bilder mit nach Hause bringen. Für mich ist das der falsche Ansatz, denn es degradiert die Flüchtlinge zu Sensationen. Wenn man hierher kommt, dann sollte man sich auch dort einreihen, wo die eigenen Fähigkeiten am sinnvollsten sind. Die Ärztegruppe in der Schutzstelle war der beste Beweis dafür. Die Geburt hatte noch nicht begonnen (Blasensprung), stand aber bevor. Und die Ärzte hatten einfach keine Lust auf eine Nacht voll Warten. Maria untersuchte die Frau, dann riefen wir einen Rettungswagen und ließen sie ins Krankenhaus bringen. Sprachlos und etwas wütend gingen wir ins Feldlazarett zurück.

 

Dort angekommen, trafen wir auf zahlreiche Menschen. Sie waren gerade mit Bussen von den Stränden gebracht worden. Ihre Landung war unsanft, viele hatten kleine Wunden und Schmerzen. Fast alle waren unterkühlt. Wir verteilten Wärmflaschen und Tee, und gingen so gut es ging auf jeden ein. Größere Familien ließen wir von Freiwilligen in die Familienschutzstelle bringen.

Zwischendurch ging ich noch einmal zu der Frau mit dem Krampfanfall. Ihr Mann saß an ihrem Bett. Er machte sich große Sorgen und war gleichzeitig sehr erschöpft. Ich versuchte ihn zu beruhigen, als just in diesem Moment die Frau wieder zu krampfen anfing. Ich rief Eli, wir sicherten die Patienten, so dass sie sich nicht noch weiter verletzten konnte. Als der Krampf vorüber war, riefen wir einen Rettungswagen. Doch die waren alle unterwegs und der Mensch auf der Leitstelle war ziemlich ungehalten: „Wait minimum two hours!“ (Warten sie mindestens zwei Stunden!).

Die Patientin erklärte uns, dass sie nicht ins Krankenhaus wolle – dies würde bedeuten, dass sie sich ihre Registrierung hinauszögern würde, was sie unter keinen Umständen wollten. Dem Ehemann stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Glücklicherweise kamen die Ärzte aus der Familienschutzstelle noch einmal vorbei, um sich zu bedanken, bevor sie sich zu den Stränden aufmachten. Sie hatten noch Valium als Notfallmedikament und gaben mir ein paar Ampullen.

Wir erhoben erneut den neurologischen Status der Patientin, der sich nicht gebessert hatte. Dann berieten wir uns. Sie in einem Privatwagen ins Krankenhaus zu bringen, war zu riskant. Auch würde man dort, um diese Uhrzeit, nicht mehr viel mit ihr machen. Da die Frau und ihr Mann sagten, dass es rein vom Stress war und sie auch nicht ins Krankenhaus wollten, beließen wir sie in unserem Feldlazarett. Für den Notfall, und da wir jetzt endlich das Notfallmedikament hatten (Eine Ampulle kostet ein paar Cent), legte ich ihr einen Zugang. Dann ließen wir die Frau in Ruhe und kümmerten uns um die anderen Menschen in unserem Lazarett.

 

Notfall

 

Der Strom an Verletzten und Unterkühlten wollte und wollte nicht abreißen. Immer wieder kamen neue Busse und brachten neue Menschen. Bei jedem Anruf in der Familienschutzstelle mussten wir länger warten, bis dort ein freies Plätzchen gefunden wurde. „Irgendwann muss doch einfach mal Schluss sein!“, dachte ich, doch wieder brachte ein Bus neue Flüchtlinge.

Da die Nacht sehr kalt war und viele Kinder mit dabei waren, konnten und wollten wir sie nicht aus dem Lazarett schicken. Sie gruppierten sich um unsere Heizkanone, lagen zu zweit in den Betten und wärmten sich gegenseitig. Dazwischen versuchten wir sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Dabei wurden wir von vielen anderen Freiwilligen ganz toll unterstützt, die immer wieder Tee, Essen, Decken, Kleidung brachten.

Als ich kurz nach der Frau mit der Epilepsie schaute, sah ich Eli am letzten Bett knien. Darin lag ein Jugendlicher, der Alpträume hatte und im Schlaf schrie. Eli nahm seine Hand und er zog sich sofort an sie ran. Seine Schreie hatten aufgehört und Tränen kamen nun aus seinen geschlossenen Augen. Eli nahm in weiter in den Arm, um ihm Geborgenheit zu vermitteln.

Sie schaute mich an … mit Tränen und Hilflosigkeit in den Augen.


Um sieben Uhr fragte mich die Ärztin Maria, ob ich ein Kind ins Krankenhaus bringen könne. Rona war zehn Jahre und Diabetikerin. Auf ihre Flucht hatte sie gestern das letzte Mal Insulin bekommen und ihr Blutzucker war durch die Decke geschossen. Sie war eingetrübt und musste dringend behandelt werden. Rettungswagen waren noch immer nicht verfügbar.

Schnell fanden wir einen Freiwilligen, der uns ins Krankenhaus fuhr. Ihr Mutter mit einem weiteren Baby saßen vorne, ich mit Rona hinten. Der Vater und vier weitere Kinder blieben im Camp zurück. Von unterwegs rief ich das UNHCR (Flüchtlingshilfswerk) an, um sie über den Fall zu informieren. Ramazan, der Verantwortliche machte sich sofort auf den Weg in unser Feldlazarett, um den Vater zu holen und eine Schnellregistrierung in die Wege zu leiten.

Im Krankenhaus brachten wir Rona in die Kindernotaufnahme, wo wir sie fixieren mussten, um einen Zugang legen zu können. Sie schrie wie am Spieß, aber es führte kein Weg daran vorbei. Dann brachte ich sie mit der Schwester von der Notaufnahme auf Station.

Jetzt musste ganz viel Netzwerkarbeit geschehen, damit die Familie auch wieder zusammengeführt werden konnte. Da im Krankenhaus kein Platz für alle war, ist es umso wichtiger, beide Teile immer in Verbindung zu halten, wofür alle Akteure über den jeweiligen Status wissen müssen.

Vor Ort würde sich eine Dolmetscherin von Ärzte ohne Grenzen um die Familie kümmern. Ramazan vom UNHCR kümmerte sich um den Vater. Ich informierte die Station über den Prozess und tauschte alle Telefonnummern unter den Beteiligten aus.

Die Stationsärztin fragte mich, ob ich in die Apotheke gehen könnte und das spezielle Insulin, das im Krankenhaus nicht vorrätig ist, kaufen könne. Ich war nun schon zweimal im Inselkrankenhaus und es ist unglaublich, wie schlecht dieses aufgestellt ist. Immer wieder müssen wir Medikamente für unsere Patienten kaufen und ins Krankenhaus bringen, da man dort schlicht und einfach kein Geld hat.

Wie selbstverständlich wir doch in Deutschland davon ausgehen, immer die richtige Behandlung und das richtige Medikament zu bekommen. In dieser Nacht auf Lesbos war es nun schon das zweite Mal, dass uns wichtige Medizin nicht einfach so zur Verfügung stand. So ging ich also in die nächste Apotheke und kaufte das Insulin für Ronan und brachte es zurück auf Station. Ich verabschiedete mich von allen und fuhr mit dem Taxi zurück ins Feldlazarett.

 

Mittlerweile war es 11 Uhr. Mit einer Ärztin von der Tagschicht wollte ich noch schnell die Patientin mit der Epilepsie besprechen. Sie hatte nicht mehr gekrampft und wir wollten sie nun schnellregistrieren lassen. Als wir am Bett standen und uns über sie unterhielten, fing sie plötzlich wieder an zu krampfen.

Wir durchbrachen den Krampf mit Valium und riefen den Rettungswagen, endlich war mal wieder einer frei. Nun musste sie für mindestens einen Tag ins Krankenhaus. Ihr Mann brach in Tränen aus, wer weiß, welche Hoffnungen gerade in ihm zerbrachen …

 

Als ich mich nach dieser Nachtschicht auf den Heimweg machte, hatte ich nicht das Gefühl, wirklich geholfen zu haben … der seidene Faden, diese schwachen Strukturen in dieser Dauerkatastrophe, an dem unsere Hilfe hängt, ist manchmal eben nicht stark genug …

16.01.2016 – Camp Moria


Situationsbeschreibung

 

Die allgemeine Situation auf Lesbos scheint sich gerade zu ändern. Es herrscht eine grundsätzliche Verwirrung und Unsicherheit. Um mich nicht selbst in irgendeine Gefahr zu begeben, gebe ich im Nachfolgenden lediglich eine neutrale Situationsbeschreibung wider.

 

Wie schon berichtet, wurden kürzlich Freiwillige von der Polizei festgesetzt, weil sie Rettungswesten von einer Mülldeponie mitnehmen wollten. Ordnungskräfte kontrollieren nun die Freiwilligen an den Stränden, um, so die Aussage, eine bessere Sicherheit gewährleisten zu können.

Gestern (15.01.2016) wurden dänische und spanische Rettungsschwimmer verhaftet. Ihnen wird Schleusertum vorgeworfen. Verschiedentlich wird von Einschüchterungen seitens der Polizei gegen andere Freiwillige auf Lesbos und auch im Camp Moria berichtet.

Da das Feldlazarett sich in einem länglichen Rundzelt befindet, wird seitens der Behörden argumentiert, dass es sich um eine landwirtschaftliche Einrichtung handelt. Die Behandlung und auch die stationäre Unterbringung von Menschen sei darin nicht erlaubt.

Aus diesem Grund und der unklaren Sicherheitslage für Freiwillige auf Lesbos, wurde gestern entschieden, das Feldlazarett vorübergehend zu schließen. Es wird nun die Außenhülle gegen ein Großzelt getauscht, um so den Forderungen der Behörden nachzukommen. Eine endgültige Entscheidung bezüglich der weiteren Bereitstellung einer medizinischen Versorgung gibt es derzeit nicht. Jeder Freiwillige hat die Möglichkeit, dass Maß zu bestimmen, inwieweit er sich einbringt.

 

Im offiziellen Camp gibt es eine medizinische Einrichtung, die aber nachts nicht besetzt ist. Da sich diese Einrichtung im offiziellen Teil befindet, wird davon ausgegangen, dass eine Gesundheitsversorgung, im Rahmen einer Duldung, von hier aus möglich ist. Deshalb haben gestern Abend eine Ärztin und eine Krankenschwester aus unserem Team dort Stellung bezogen und Flüchtlinge behandelt. Leider wissen die Flüchtlinge im inoffiziellen Teil des Lagers in der Regel nicht von den Möglichkeiten des offiziellen Lagers.

Ich habe die Nacht als Nachtwache im Feldlazarett verbracht. So konnten wir sicherstellen, dass die Medikamente dort gesichert sind. Flüchtlinge, die im Lazarett auftauchten, schickte ich, begleitet von anderen Freiwilligen, zu unserer Ärztin und unserer Krankenschwester ins offizielle Lager. Bei manchen Flüchtlingen leistete ich zwar keine professionelle medizinische Versorgung, aber Erste Hilfe. So konnten wir auch, trotz geschlossenem Feldlazarett, einen Zugang zur medizinischen Versorgung sicherstellen.

 

Heute Morgen gab es weder Busse noch Taxis, welche die Flüchtlinge zur Fähre nach Athen / Kavala brachten. Menschenmassen machten sich zu Fuß auf den ca. 10km langen Weg. Ich konnte Alte, Behinderte, Kranke und Kinder unter den Flüchtlingen ausmachen, die auf der Straße nach Mytelini liefen.

Später dann tauchten Taxis auf der Straße auf, welche die Flüchtlinge zum Hafen brachten. Warum es, wie sonst üblich, weder Busse noch Taxis im Camp gab, weiß ich nicht. Auch gab es keine Information im Vorfeld seitens der Behörden.

Zum ersten Mal habe ich heute Polizisten entdeckt, die mit der FRONTEX-Armbinde die Küstenstraße entlang patrouillierten. Darunter auch ein deutscher Bundespolizist. Als ich ihn auf die Menschenmasse und die allgemeine Situation ansprach, konnte er mir keine Auskunft darüber geben, ob dies alles nur zufällig passierte oder es einen Strategiewechsel seitens der Politik gibt.

 

Zu meiner eigenen Sicherheit habe ich mich heute an die deutsche Botschaft gewandt. Ich habe um entsprechende Informationen in den Reisehinweisen auf der Homepage gebeten und mich mit meinen Kontaktdaten registriert.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation weiter entwickelt.

Verhaftung der Rettungsschwimmer

23.01.2016 – Camp Moria

 

Irrungen und Wirrungen

Es hat mit der Verhaftung der dänischen und spanischen Rettungsschwimmer begonnen.

Nach wie vor denke ich, dass dies ein Muskel-Zeigen der Inselregierung war. Als die Flüchtlingskrise ihren Lauf nahm, war die griechische Regierung schlichtweg überfordert.

Freiwillige aus aller Welt sind nach Griechenland (und zu vielen anderen Orten in Europa) aufgebrochen, um dort zu helfen. Es haben sich Gruppen und Initiativen gebildet, die sich selbst eine Struktur gegeben und untereinander vernetzt haben. So ist eine riesige internationale Hilfe entstanden, die sich überwiegend aus Privatleuten zusammensetzt.

Doch diese ganze Hilfsstruktur entzieht sich zum großen Teil einer staatlichen Kontrolle. Ich gehe davon aus, dass die Inselregierung von Lesbos diesen Zustand nicht länger hinnehmen wollte. Also hat sie die Kontrolle übernommen. Die Verhaftung der Lebensretter, der bekanntesten Gruppe der Freiwilligen, war ein Wink mit dem Zaunpfahl, ja nach den Spielregeln der Inselregierung zu spielen.

Grundsätzlich hat diese auch das Recht, die Regeln zu bestimmen und eine gewisse Ordnung aufrecht zu erhalten. In einer humanitären Krise würde dies in erster Linie bedeuten, dass der Regierung eine organisierende und koordinierende Funktion zukommt. Doch genau dies passiert nicht. Vielmehr werden Regeln installiert, die eine reine Kontrollfunktion haben. Das ist leider oft zum Nachteil von Flüchtlingen und Freiwilligen.

So ist nun das offizielle Lager in Moria vollends mit einem 3m hohen Zaun und Stacheldraht eingefriedet worden. Am Tor steht die Polizei und man darf als Freiwilliger nur noch ins offizielle Lager, wenn der Name in der Registrierung auftaucht.

Diese Einzäunung bedeutet aber auch, dass das wilde Camp drum herum mehr und mehr in die Illegalität gedrängt wird. Dennoch ist es notwendig, da nicht alle Flüchtlinge ins offizielle Lager passen und eine Versorgungsstruktur brauchen. Doch auch die Versorgungsstrukturen im wilden Lager werden so mehr und mehr in die Illegalität gedrängt.

Es ist eine bekannte Entwicklung, dass dort, wo die Regierung das Management einer humanitären Krise übernimmt, (bekannte) Hilfsorganisationen plötzlich in Massen auftauchen. Denn nun wurde die kritische Lage von der Regierung anerkannt, was so etwas ähnliches wie eine Einladung für Hilfsorganisationen bedeutet. Nun können sie ganz offiziell hier sein. Und auch auf Lesbos sieht man mehr und mehr Autos mit Magnetschildern von großen und kleinen Hilfsorganisationen auf der Motorhaube und auf Türen.

Sie alle arbeiten natürlich nur im offiziellen Lager. Direkt neben den Containern von "Ärzte ohne Grenzen" stehen die Container von "Ärzte der Welt". Dennoch schaffen sie es nicht, medizinische Hilfe rund um die Uhr zur Verfügung zu stellen. Dies liegt aber nicht am mangelnden Personal, sondern an deren Unwillen.

Tagsüber stehen sich die Mediziner gegenseitig auf den Füßen, aber Nachtschichten will keiner schieben.

Als wir uns einmal mit dem Personal von "Ärzte ohne Grenzen" unterhalten haben, war die Antwort „This isn’t fucking Africa“ (Das ist nicht das verdammte Afrika). Kranke Flüchtlinge können ja mit dem Taxi ins Krankenhaus fahren oder den Rettungsdienst rufen. Totale Ignoranz der Situation der Flüchtlinge und der Situation der Gesundheitsvorsorge auf Lesbos (die eher einem Entwicklungsland entspricht).

 

Leider geht es oft nicht wirklich um die Flüchtlinge. Es geht um Spender und Spendengelder, es geht darum, von der Regierung anerkannt zu sein und letztendlich um eine Legitimation des eigenen Daseins. Die Organisationen bekämpfen sich gegenseitig und die Situation wird mehr und mehr verwirrend. Unterschiedliche Akteure treffen verschiedene Aussagen zum selben Thema, die sich widersprechen.

Dies betrifft leider auch unser Feldlazarett.

Die Gründer der Initiative Health Point Project (HPP) haben sich zerstritten. Ein Teil ist mit dem Namen HPP nun innerhalb des offiziellen Camps tätig und dort auch anerkannt. Der andere Teil hat dem Feldlazarett den Namen Offtrack-Health gegeben. Die Arbeit ging lange Zeit ganz normal weiter. Doch nun heißt es, dass im Zelt keine Patienten mehr versorgt werden dürfen. Denn obwohl Offttrack-Health das medizinische Personal stellt, laufen die Verträge (über die Landpacht) alle auf HPP. Und da man nun innerhalb des offiziellen Lagers anerkannt ist, kann man es sich wahrscheinlich nicht erlauben, mit einem halb-legalen Feldlazarett außerhalb des Lagers assoziiert zu werden. Die Verantwortlichen von Offtrack-Health dürfen also rechtlich nicht über das Feldlazarett bestimmen und HPP will am liebsten gar nichts damit zu tun haben.

So kommt es, dass, obwohl Patienten offiziell nicht mehr behandelt werden dürfen, jeden Tag Ärzte die Menschen versorgen. Denn wer es nicht ins Lager schafft, weiß in der Regel auch nichts über die Strukturen im Innern. Und genau deshalb bin ich und viele andere Mediziner hier: Wir wollen für Menschen, die de facto keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben, einen Anlaufpunkt bieten, wo sie medizinische Hilfe finden.

 

Es ist unendlich traurig, dass eine gute Sache mal wieder vor die Hunde zu gehen scheint, bloß weil es um Macht und Einfluss geht. Bis jetzt war ich sehr froh, hier sein zu dürfen, denn die Menschen, die im Feldlazarett arbeiteten, hatten eine hohe Bereitschaft, sich wirklich in dieses Projekt einzubringen. Sie wussten, dass es hier keine großen Lorbeeren zu verdienen gab und haben trotzdem mit sehr viel Hingabe zu dieser guten Sachen beigetragen. Doch wie diese nun weitergeht, weiß im Moment niemand. Im Hintergrund werden Machtkämpfe ausgetragen und wir müssen schauen, wie wir auferlegte Regeln so biegen können, dass wir dennoch für die Menschen da sein können.

 

Ich habe mich bewusst gegen die Strände entschieden, weil sich dort zu viele Menschen um ihrer Selbst willen aufhalten. Sie sind dort, weil es spektakulär ist und man ein Held sein kann. Viele sind Einzelkämpfer. Oft fehlt es an gemeinsamen Konzepten, wie ein ankommendes Boot zu versorgen ist. Die Situation wird immer wieder als chaotisch beschrieben, wozu aber in der Regel die Helfer ihren Anteil beitragen.

Ein Fortschritt ist es schon, dass man sich darauf einigen kann, welche Gruppe an welchem Strandabschnitt aktiv ist. Kooperieren, gemeinsame Lösungen erarbeiten, dazu ist man leider oft nicht bereit. Es spielt sich genau das ab, was man bereits von anderen humanitären Krisen und den großen Hilfsorganisationen kennt.

 

Für mich bedeutet dies, dass ich immer wieder meinen Anspruch, für die Menschen da zu sein, überprüfen muss. Ich muss schauen, ob ich diesem Anspruch gerecht werde, oder ob ich Rahmen dieser Machtspielchen zu sehr instrumentalisiert werde. In diese Machtlogik zu verfallen, bedeutet für mich die Logik der aktuellen Welt weiterzuführen. Ich mache mich zu einem Rädchen im System, das dazu beiträgt, dass Menschen überhaupt fliehen müssen. Und um daran etwas ändern zu können, muss ich bei mir selbst anfangen und mein Denken ändern.

Deshalb bin ich hier: weil ich daran glaube, dass etwas Gutes geschieht, wenn Menschen sich als Menschen begegnen und helfen. Nicht weil es ein besonderer Erlebnisurlaub sein soll und auch nicht, weil ich mich im Angesicht des Leids anderer aufwerten will.

26.01.2016

Die Tagesschau berichtet über Lesbos und das Camp Moria:

Zum Bericht der Tagesschau

27.01.2016 – Camp Moria

 

Nachdem das offizielle Lager nun endgültig mit einem 3m hohen Zaun – auf der Spitze Stacheldraht – komplett eingefriedet ist, gibt es zwei klar getrennte Seiten: Zum einen dieses offizielle Lager selbst, und zum anderen eben das wilde Camp drum herum. Diese Trennung bestimmt die Zeit, welche die Flüchtlinge hier verbringen. Auf welcher Seite sie landen, ist oft vom Zufall abhängig.

Wer erklärt ihnen, wo was ist? Wer führt sie wohin? Wo gibt es gerade noch freie Schlafplätze? Das alles hat Einfluss darauf, wo ein Flüchtling seine vorübergehende Unterkunft findet. Es müssen zwar alle zur Registrierung ins offizielle Lager, doch weiß man um die gegenseitigen Hilfsstrukturen recht wenig. Und auch für die Freiwilligen ist es nun schwierig, ins offizielle Lager zu kommen. Zumindest wenn man nicht registriert ist und keiner Organisation angehört.

Im Lager selbst gibt es mittlerweile zahlreiche große Hilfsorganisationen, die mit Hilfe der (auserwählten) Freiwilligen den Lagerbetrieb aufrecht halten. Durch die Trennung, auch auf Helferseite, fehlt das Wissen um die jeweils anderen Strukturen und Ressourcen.

Das UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der UNO) hat jüngst ein Treffen aller Organisationen einberufen. Das Protokoll gibt den Status im offiziellen Lager wieder. In der nachfolgenden Tabelle möchte ich anhand dieses Protokolls und meiner Erfahrung im wilden Lager beide Seiten des Zauns kurz gegenüberstellen.


 

Status des offiziellen Lagers

Status des wilden Lagers

 

Samaritan’s Purse (Hilfsorganisation) wird überprüfen, wie sie die Öffnungszeiten (z.Z. nur tagsüber) der Kleiderkammer verlängern können.

Die Kleiderkammer ist immer geöffnet

Oxfam (Hilfsorganisation) will die Kübel für Wäsche beschriften, damit sie nicht als Mülleimer missbraucht werden.

Dreckige Kleidung, Decken etc. wird zentral in der Kleiderkammer und im Krankenhaus gesammelt und von den „Dirty Girls“ (Freiwillige, die sich um die Reinigung kümmern) abgeholt und gewaschen.

Über eine Station zur Essensverteilung wird noch diskutiert. REMAR (Hilfsorganisation) könnte Tee und Suppe rund um die Uhr zur Verfügung stellen. Es muss noch mit der Lagerleitung diskutiert werden, ob dies in einem Zelt realisiert werden kann. Der Moria Breakfast Club wird die Verteilung von Porridge (aus dem Auto heraus) ab dem 1. März einstellen.

In einem Essenszelt bereiten Freiwillige bis zu 5.000 Mahlzeiten pro Tag (Frühstück, Mittag- und Abendessen) zu. Die Nahrung ist einfach, aber abwechslungsreich. Das Teezelt stellt Tee zur Verfügung und kocht für die freiwilligen Helfer. Tee bzw. heiße Suppe stehen bei Bedarf (Ankunft neuer Flüchtlinge) rund um die Uhr zur Verfügung.


 

Zusammenfassen könnte man die Situation mit „Diskutierst du noch oder machst du es einfach“.

Im offiziellen Lager scheint man über Meetings, Kompetenzgerangel und Bürokratie zu vergessen, dass Menschenwürde keinen Aufschub duldet. Es darf nicht darum gehen zu überlegen, ob gewisse Dinge (z.B. eine feste Essensausgabe) möglich sind, sondern wie sie realisiert werden können.

Aktuell erinnert mich das offizielle Lager nicht nur äußerlich an ein Konzentrationslager. Auch die inneren Strukturen, die vorgeben, wie ein Flüchtling behandelt wird, werden menschenunwürdiger. Dazu passt die Sprache: Hier sagt man „to process the refugees“ – sinngemäß „die Bearbeitung der Flüchtlinge“ man könnte ja auch Behandlung (to treat) sagen. Aber dann wäre es mehr emotional und weniger bürokratisch.

 

Ich persönlich bin froh, nicht als Freiwilliger für eine Organisation im offiziellen Lager arbeiten zu müssen. Denn auch wenn man sich in den Dienst der Flüchtlinge stellt, hilft man doch, diese menschenunwürdigen Strukturen zu kaschieren.

Das wilde Lager wird hingegen von vielen Freiwilligen und spontan entstandenen Gruppen organisiert. Es gibt keine wirkliche Führungsstruktur und doch arbeitet man gut zusammen und ergänzt sich. Den „illegalen“ Flüchtlingen aus Marokko, Tunesien, Ägypten, die auf der Insel gefangen sind (da sie nicht registriert werden und somit nicht weiter können) bietet dieses wilde Camp eine kleine Perspektive. Viele sind hier mittlerweile auch Freiwillige und arbeiten als Dolmetscher oder in der Kleiderkammer und Essensverteilung. So bekommen sie eine Aufgabe in einer hoffnungslosen Situation und werden Teil einer Gemeinschaft.


Diese Momente lassen mich nach wie vor an die Vernunft des Menschen glauben. Leider mache ich gerade auch im Feldlazarett die gegenteilige Erfahrung. Auch hier gibt es gerade jede Menge Kompetenzgerangel und Selbstsucht, die die Arbeit fast unmöglich machen. Doch dazu werde ich in Kürze etwas schreiben.

Land unter

28.01.2016 – Lesbos


Haus + Patient + Doktor = Krankenhaus

So ungefähr sieht eine der dämlichsten Gleichungen aus, die ich je gesehen habe.

Die Situation im Flüchtlingslager Moria verschlechtert sich nun von Tag zu Tag. Das Schlimme daran ist, dass dies eigentlich gar nicht nötig wäre. Doch die Muster, nach denen sich das Camp verändert, sind Muster, die man in vielen humanitären Krisen antrifft. Diese Entwicklungen haben auch ganz persönliche Auswirkungen auf mich. Doch bevor ich versuche, all dies zu erklären, hier erst einmal ein kleines Update zu meiner ganz persönlichen Lage.

 

Meine Freundin Susan ist gestern abgereist. Sie hat mich für eine Woche besucht. Zusammen hatten wir ein paar freie Tage, und haben aber auch im Feldlazarett gemeinsam Handwerksarbeiten ausgeführt.

Für mich war diese Zeit eine gute und wichtige Zeit, denn trotz aller Erzählungen ist es doch unmöglich, die Situation hier in Gänze wiederzugeben. Leider hat Susan eine schlechte Zeit erwischt: Das Wetter war ziemlich kalt und die Situation im Lager würde ich im Moment als Krise in der Krise beschreiben.

Zu allem Überfluss habe ich mir wenige Tage vor ihrer Ankunft einen Bandscheibenvorfall zugezogen. Einen angedachten Ausflug mit dem Auto mussten wir also streichen. Dafür gingen wir viel spazieren, was meinem Rücken sehr gut getan hat. Der Bandscheibenvorfall drückt nun nicht mehr auf Nerven, so dass ich fast schmerzfrei bin und keine Schmerzmittel mehr brauche. Doch muss ich mich nun ein wenig einschränken, wenn es um schweres Heben oder langes Bücken etc. geht. Das ist etwas, was mir ganz bestimmt nicht leicht fällt.

 

Doch nun zurück zu der verrückten Gleichung „Haus + Patient + Doktor = Krankenhaus“.

Ich versuche es nachvollziehbar von oben nach unten zu darzustellen.

Der Druck von Europa auf Griechenland wirkt sich direkt vor Ort aus. Fast täglich sehe ich nun Grenzpolizisten aus anderen Ländern, die hier für FRONTEX patrouillieren. Sie laufen Streife, in ihrer jeweiligen Heimatuniform mit Pistole im Holster und der blauen FRONTEX-Armbinde. Wie man an den Stränden einer Insel eine Grenze beschützen will, bleibt ungeklärt. Menschen in eigentlich seeuntüchtigen Booten wieder aufs Meer schicken geht schon rein moralisch nicht – rechtlich sowieso nicht. So wird zwar jede Menge Geld verschwendet, aber Europa zeigt Präsenz auf Lesbos.

Dies und die restliche Politik Europas (drohender Ausschluss aus dem Schengenraum) setzen Griechenland und damit auch die Inselregierung auf Lesbos unter Druck. Dies trägt sicherlich dazu bei, dass die Regierung nun mehr Verantwortung im Camp übernimmt und z.B. strikte Kontrollstrukturen einführt. Wie schon im Bericht zuvor geschrieben, ist das Lager dadurch nun zweigeteilt.

Es gibt das offizielle Lager, in das nur noch Hilfsorganisationen rein können und das illegale Camp drum herum. Und wie immer, wenn es einen Kuchen (in diesem Fall Hilfsprojekte und Spendengelder) zu verteilen gibt, kehrt sich das Schlechte im Menschen hervor. Man besinnt sich nicht mehr darauf, warum man eigentlich gekommen ist – nämlich um den Flüchtlingen zu helfen. Jetzt geht es um die eigene Daseinsberechtigung im Konkurrenzkampf mit anderen Organisationen.

Jüngst hat die große Hilfsorganisation „Save the Children“ versucht, Einfluss zu nehmen, so dass das Feldlazarett keine Babynahrung mehr ausgeben dürfte. „Save the Children“ hat nämlich ein Mandat für einen Stillkurs bekommen. …

Dass viele Mütter nur wenige Tage hier sind, dass sie durch die Flucht traumatisiert und entkräftet sind und oft gar keine Milch mehr geben können, ist dabei egal. Wichtig ist, die Konkurrenz auszuschalten.

Dieses Hauen und Stechen führt dazu, dass insbesondere im illegalen Lager die Angst umgeht. Zudem wird die Regierung dieses Camp nicht ewig dulden und irgendwann räumen.

Um dem entgegen zu wirken, versuchen die Initiativen im inoffiziellen Camp möglichst, den vermuteten Vorgaben der Regierung zu entsprechen. Doch leider schaut man auch hier lieber auf das, was nicht geht, anstatt zu überlegen, wie es denn gehen könnte. So versucht man zu verhindern, dass die eigene Daseinsberechtigung angezweifelt wird. Das Traurige an dieser Situation ist, dass fast alle darüber einstimmen, dass das Camp sowieso irgendwann geräumt wird. Man könnte sich also darauf besinnen, solange dies eben noch möglich ist, wirklich für die Flüchtlinge dazusein. Schließlich ist doch dies unsere Daseinsberechtigung: Als Mensch für andere einzustehen und da zu sein.

Doch leider ist man lieber im Voraus gehorsam. Und so kam die Gleichung „Haus + Patient + Doktor = Krankenhaus“ zustande. Dies ist nun die aktuelle Sicht auf das Feldlazarett. Nicht der Blick der Inselregierung, sondern der Initiative, die das Feldlazarett betreibt. Und um ein Krankenhaus zu betreiben, braucht es eine spezielle Genehmigung, die man nicht hat. Also wurde das Feldlazarett jüngst für Patienten geschlossen. Der Frust ist groß und man ist zerstritten.

Für mich war dieser Umstand unerträglich und da ich einer derjenigen bin, der mittlerweile am längsten hier ist, habe ich innerhalb des medizinischen Teams und der Verantwortlichen einen offenen Brief verfasst. Dieser führte dazu, dass es zumindest ein Treffen für alle gab, wo man über das weitere Vorgehen informierte.

 

Das Feldlazarett bleibt auch weiterhin geschlossen. Es ist lediglich ein überdimensionierter Lagerraum für medizinische Güter. Medizinisches Personal kann hier seine Materialien auffüllen und die Menschen draußen oder in Autos behandeln („Auf die Gleichung Auto + Patient + Doktor = Krankenwagen“ ist bisher keiner gekommen. Auch nicht auf die Gleichung „Zelt + Koch + Esser = Restaurant“ …).

Da nun alles beliebig ist, gibt es keinen Dienstplan mehr und jeder kommt und geht wie er will bzw. behandelt die Menschen dort, wo er es für richtig hält: Egal ob im Lager, am Hafen (hier ist schon „Ärzte ohne Grenzen“) oder an den Stränden, wo es auch schon genügend Menschen gibt. So tauchten am Tag nach dem großen Treffen 10 Mediziner im Feldlazarett auf und füllten sich die Taschen mit allem, was sie für nötig hielten – das Ganze erinnert stark an einen supergünstigen Schlussverkauf.

Im weiteren Verlauf spielte sich dann folgende Szene ab:

Die Mediziner teilten sich in zwei Teams auf und gingen – ohne zu besprechen, wer welchen Teil des Camps abdeckt – raus. Genau in diesem Moment hatte ein Flüchtling, der medizinischen Rat suchte, das Pech, vor der Tür zu stehen. Er war leicht unterkühlt und erkältet und seine Beine schmerzten, was unter diesen Umständen relativ normal scheint. Es war um die 0°C und es schneeregnete. Trotzdem wurde ein Stuhl vor die Tür geholt, auf den sich der junge Mann setzen musste. Um ihn herum beide Teams. Er sollte Schuhe und Socken ausziehen und seine Hosenbeine wurden hochgekrempelt.

Ich habe dann die Tür zum Feldlazarett geschlossen. Ich wollte mir das Drama nicht länger ansehen und dem Flüchtling zumindest den Blick in den trockenen Behandlungsraum ersparen. Anstatt dessen habe ich weiter mit Susan gehandwerkt. Eine Stunde später trudelten beide Teams wieder im Feldlazarett ein. Sie waren nicht nur vom Schneeregen bedröppelt (gedrückter Gemütszustand aber auch nass geregnet) – (Leider) hatten sie keine Patienten gefunden …

Dieses Verhalten macht mich wütend und auch traurig.

Man orientiert sich nicht an den Bedürfnissen der Flüchtlinge, sondern an dem, was man zu geben bereit ist. Es degradiert die Flüchtlinge zu Statisten, und indirekt spricht man ihnen so auch ein Stück weit ihre Menschenrechte ab. Und wenn man nicht bereit ist, sich auf die Situation und die Bedürfnisse einzulassen, kann dies auch gefährlich werden.

Letzte Woche führten wir für 15 Schreiner aus England einen Erste-Hilfe-Kurs durch, als diese mittendrin aufstanden und weggingen. Auf WhatsApp hatten sie erfahren, dass gerade Flüchtlingsboote 10km weiter gelandet waren … Wie gesagt, die Strände sind mit Freiwilligen mehr als gut abgedeckt und gleichzeitig hätte es im Rahmen des Umbaus des Feldlazaretts soviel Arbeit für Schreiner gegeben … Doch keiner stellt sich an den Platz, wo er am hilfreichsten ist, sondern wo er sich gerne sieht.

 

Ich versuche mich nach wie vor an den Platz zu stellen, wo ich den Bedürfnissen entsprechend am sinnvollsten bin. Da es nachts im Camp aktuell keine medizinische Versorgung gibt, übernehme ich ab heute Nachtschichten. Ich mache abends, wenn alle Flüchtlinge an ihrem Schlafplatz sind, meine Runde und schaue ob es Kranke gibt, denen ich helfen kann. Andere müssen warten, bis ein Arzt am nächsten Tag greifbar ist, oder sie brauchen dringend weitere Hilfe, und ich werde versuchen, sie zu einem Arzt oder ins Krankenhaus zu bringen.

Meine Basis habe ich nach wie vor im Feldlazarett, damit die Freiwillige und Flüchtlinge wissen, wo sie mich finden können. Und das ehemalige Krankenzimmer mit sieben Betten definiere ich als Sozialraum für nicht-medizinische Fälle. Hier kann ich insbesondere Menschen unterbringen, die nachts mit dem Bus von den Stränden kommen. Die unterkühlt sind oder einen psychischen Zusammenbruch erleiden … und da ich auch Sozialarbeiter bin, trifft die Gleichung „Haus + Patient + Doktor = Krankenhaus“ eh nicht zu.


Um ein wenig die Entwicklung zu dokumentieren, füge ich diesem Bericht sowohl meinen offenen Brief, als auch meine eigene Definition meines Auftrages bei – beides ist leider in Englisch verfasst.

Offener Brief.pdf
PDF-Dokument [10.0 KB]
Selbstdefinierter Auftrag.pdf
PDF-Dokument [31.8 KB]
Freiwillige

Camp Moria – 31.01.2016

 

Ich weiß, dass ich in meinen letzten Berichten viel über die allgemeine Situation geschrieben habe. Und vielleicht konnte man darüber an der ein oder anderen Stelle auch an der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit hier auf Lesbos zweifeln. Auch ich habe mir darüber Gedanken gemacht, aber festgestellt, dass es keine Alternative gibt. Nach wie vor verstehe ich meine Arbeit als Menschenrechtsarbeit.

Menschen haben ein Recht auf ein gesundes Leben. Dieses Recht wird im Camp ein Stück weit außer Kraft gesetzt und das Feldlazarett ist ein wichtiger Bestandteil, dem entgegen zu wirken. Deshalb freue ich mich ganz besonders auf diesen Bericht. Er zeigt mal wieder ganz konkret, wie wichtig unsere Arbeit ist (außerdem ist er auch weniger theoretisch).


Nachdem wir die letzten Tage gut mit einer Gruppe US-amerikanischer Mediziner versorgt waren, sind diese nun abgereist. Da ich mittlerweile einer derjenigen bin, welche die meisten Erfahrungen haben, war es meine Aufgabe, sie in ihren Schichten zu begleiten. Meine selbst gegebenen Einsatzregeln dienen dem Feldlazarett nun als tragfähiges Arbeitskonzept. Ich helfe, entsprechende Strukturen zu schaffen und das Konzept ganz praktisch umzusetzen. Da die Versorgung insbesondere nachts kritisch ist, habe ich mich für den Moment entschieden, ausschließlich Nachtschichten zu übernehmen. Insofern bin ich quasi der „Guide through the Night“ (Begleiter im Dunkeln). Also solcher hatte ich gerade zwei ruhige Nachtschichten hinter mir.

 

Vor mir lag die letzte Nachtschicht und jetzt habe ich zwei Tage frei. Doch die US-Mediziner waren abgereist und so mussten Anne, eine Krankenschwester und ich uns allein durch die Nacht helfen. Wir waren gerade bei der Übergabe mit der Tagschicht, als unser Notfalltelefon klingelte. Überraschenderweise war ein FRONTEX-Beamter dran. Im Registrierungszentrum „hatte eine Frau ihre Sinne verloren“ … soviel verstand ich aus den schlechten Brocken Englisch mit stark griechischem Akzent.

Lina, die Ärztin von der Tagschicht wollte sich auf den Weg machen. Doch sie war die einzige Ärztin im Zelt und dazu noch in Notfällen unerfahren … sie ist Augenärztin. Sie blieb also da, während ich mich mit einer Krankenschwester von der Tagschicht auf den Weg machte. Am Eingang vom geschlossenen Camp ließ uns die Polizei anstandslos passieren (andere Mediziner aus dem Feldlazarett waren hier schon verzweifelt) und wir gingen in die Registrierungsstelle.

 

Auf dem Weg zum Camp

 

Sana, die Krankenschwester, und ich hatten auf dem Weg kurz die mögliche Notfälle angesprochen: Schlaganfall, Krampfanfall, Blutzuckerentgleisung oder eine Epilepsie.

Doch vor uns saß einfach nur ein total entkräftetes 15jähriges Mädchen, das sich seit drei Tagen erbrach und nichts gegessen hatte.

Nach unserer Untersuchung sprachen wir mit den Beamten. Die Registrierung würde noch fünf Minuten dauern. Wir warteten und nahmen die ganze Familie mit ins Feldlazarett. Dort sollten sich alle stärken und über Nacht zur Ruhe kommen.

Unterwegs bat uns ein Taxifahrer, noch zwei Mädchen mitzunehmen, die er gerade gebracht hatte. Beide hatten keine Schuhe mehr und die Kleiderkammer ist ja direkt neben dem Feldlazarett. Dort brachten wir die Familie direkt in den Bettentrakt. Andere Freiwillige brachten Essen und Trinken, die Familie war für die Nacht versorgt. Sana besorgte den Mädchen trockene Socken und Schuhe.

Im Moment streiken die Fähren auf Lesbos, weswegen das Flüchtlingslager an allen Ecken und Enden aus den Nähten quillt. Alles ist knapp und Menschen schlafen wieder draußen auf Pappkartons, diesmal mit noch weniger zugedeckt als üblich.

 

Nachdem also die Familie versorgt war, verabschiedete sich die Tagschicht. Nun waren Anne und ich auf uns allein gestellt. Volles Camp bedeutet viele Kranke und in der Tat nahm der Strom kein Ende. Die meisten waren erkältet oder hatten Muskelschmerzen aufgrund der Kälte.

Um Mitternacht war Kleinkinderstunde. Fast gleichzeitig kamen zwei Paare mit ihren sechs Monate alten Säuglingen. Das erste Kind, ein Mädchen, hatte 40,2°C Fieber, das zweite Kind, ein Junge, war nicht viel weniger heiß. Doch ihre Lungen waren frei und sie machten keinen schwerkranken Eindruck. Sie bekamen Fiebersaft und wurden mit ihren Müttern zur Beobachtung in den Bettentrakt gebracht. Die Männer mussten zurück zu ihrem Schlafplatz im Camp.

Kaum waren die Kinder versorgt, da klingelte schon wieder das Notfalltelefon: Es war ein neuer Bus mit Flüchtlingen angekommen und Freiwillige würden uns einen unterkühlten Mann bringen, der nicht laufen kann. Wenige Minuten später schoben sie ihn im Rollstuhl durch die Tür. Wir legten ihn auf eine der zwei Untersuchungsliegen und decken ihn gut zu. Die Freiwilligen machten sich auf den Weg, uns einen Dolmetscher zu bringen. Ich untersuchte den Mann inzwischen. Er zitterte am ganzen Leib, hatte jedoch eine normale Temperatur und weder Füße noch Hände waren kalt. Bei der Berührung seines linken Unterschenkels zuckte er stark zusammen, jedoch konnte ich außer einer alten Fehlstellung nichts entdecken.

Der Dolmetscher brachte dann die Lösung: Vor drei Jahren hatte er einen Unfall und sein Bein kompliziert unterhalb des Knies gebrochen. Da die Verletzung starke Schmerzen verursachte, nahm er seit drei Jahren Morphin und seinen letzten Vorrat hatte er am Vortag aufgebraucht. Der Mann hatte einen Cold Turkey (Entzugserscheinungen). Nun ist es am Sonntagmorgen nicht einfach, Morphin auf Lesbos zu bekommen. Wir schauten also was wir da hatten. Zum Glück noch etwas Codein, ebenfalls ein Opiat, dass als Schmerzmittel, meist aber als Hustenstiller eingesetzt wird. Wir gaben ihm eine etwas höhere Dosis und dazu noch ein Beruhigungsmittel, das angstlösend wirkt. Eine Stunde später ging es ihm schon viel besser und er schlief ein. Im Camp war ja sowieso kein Platz mehr. Uns blieb noch das letzte Untersuchungsbett und unsere kleine Notfallbucht. Alle Stühle waren belegt mit wartenden Patienten.


Darunter ein kleiner Junge aus Syrien. Seine Mutter war angeblich einem Chemiewaffeneinsatz ausgesetzt worden und der Junge hatte deshalb eine Gaumenspalte (Fehlentwicklung im Mund). Diese war vor drei Jahren verschlossen worden. Die Fäden wurden aufgrund des Krieges nie gezogen und waren mittlerweile eingewachsen. Seine Lippe war akut stark geschwollen und schmerzte. Doch die Haut war weder gerötet noch heiß, auch sonst zeigte er keine allgemeinen Beschwerden. Da sie gerade angekommen waren und die Nacht kalt war, gingen wir von einer erstgradigen Erfrierung aus. Der Junge bekam ein Schmerzmittel, Fettcreme und einen Schal, mit dem die Eltern seinen Mund abdecken sollten. Dann wurde die Familie von Freiwilligen in das bereitgestellte Zelt gebracht. Es war das letzte freie und wir wurden gefragt, ob sie Leute ins Feldlazarett bringen könnten. Dies war der noch einzig freie und ein wenig warme Ort im ganzen Camp. Unter den Schutzsuchenden war ein weiterer junger Mann, der im Rollstuhl saß – er bekam das verbliebene freie Untersuchungsbett und erstmal trockene Klamotten.

 

So sieht es aus, wenn ein Boot ankommt

 

Nun war selbst der Behandlungsraum voll mit Menschen, die hier die Nacht auf Stühlen und Decken verbrachten. Sie wärmten sich gegenseitig und mittendrin behandelten Anne und ich neue Patienten.

Um halb sechs schien der Ansturm nachzulassen, und ich legte mich auf eine alte Isomatte zwischen die anderen Menschen. Ich musste dringend meine Freundin Susan anklingeln. Wir haben, aufgrund der Situation, abgemacht, dass ich sie einmal täglich gegen acht Uhr abends anläute, damit sie weiß, dass es mir gut geht.

Gerade hatte ich einen Schlafsack über mir ausgebreitet, da klingelte das Notfalltelefon. Leute aus einem weiteren neuen Bus waren angekommen und ins Küchenzelt gequetscht worden. Darunter eine Schwangere mit Übelkeit und ein kranker Junge – jemand solle vorbeikommen und sie sich anschauen.

Also klingelte ich Susan nicht an und machte mich auf den Weg. Doch es war soweit alles in Ordnung, kein Grund zur Besorgnis. Ich nutzte die Gelegenheit, um Bonbons an die Kinder im Zelt zu verteilen, bevor ich mich wieder ins Feldlazarett begab. Anne untersuchte schon neue Patienten und ich schnappte mir die Nächsten …


Bis die Tagschicht um kurz nach Acht eintrudelte, hatten wir ca. 40 Patienten gesehen und behandelt und zahlreichen weiteren Klamotten, Essen, Trinken besorgt und ein Dach über dem Kopf gegeben.

Die Augenärztin Lina machte diesmal selbst große Augen. Sie hatten uns das Feldlazarett ohne Patienten und sauber aufgeräumt übergeben. Jetzt war es nur noch ein chaotisches Durcheinander. Wir machten eine Übergabe, dann verabschiedeten wir uns. Patienten und Flüchtlinge dankten uns, schüttelten Hände und umarmten uns. Es war wirklich eine außergewöhnliche Nacht.

Es war eine Nacht, in der das gesamte Camp vor einer großen Aufgabe stand. Alle Freiwilligen haben unermüdlich angepackt, waren immer zur Stelle, haben sich nie beklagt, wenn man sie um Hilfe bat. Man war füreinander da, nahm sich mal in den Arm, fragte, ob alles gut sei. Uns wurde Essen und Tee gebracht (den wir dann doch an neu angekommene Flüchtlinge weiterreichten), und wenn etwas Zeit war, räumten Freiwillige unser Untersuchungszimmer auf, während Anne und ich Patienten untersuchten. Ich bin diesen Menschen für diese Nacht und ihre großartige Unterstützung wirklich sehr dankbar.

Dankbar bin ich diesmal auch den Polizisten und FRONTEX-Beamten. Sie haben nicht auf Formalitäten geachtet (eigentlich hätten wir gar nicht ins Camp gedurft), sondern haben einfach nur das Richtige getan. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich.

Jüngst gab es im Norden erneut Übergriffe, angeblich seitens der Lokalregierung, und ein Untersuchungszelt wurde niedergebrannt. Doch hier in Moria war es eine sehr gute und auch sehr anstrengende Nacht …

Kalinichta (Gute Nacht)