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Am 7.12. 2015 ist Jens Engel aus Hostrup nach Lesbos gereist, um dort ehrenamtlich Flüchtlingen zu helfen. Mittlerweile ist er wohlbehalten wieder zu Hause.

Hier finden Sie seine Berichte.

Letzter Eintrag: vom 19.02.2016

 

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Wir danken herzlich für die eingegangenen Spenden!

 

Lesbos – 6.02.2016


Beim Lesen meiner Beobachtungen und Erlebnisse, insbesondere der beiden letzten Berichte, wird deutlich, wie widersprüchlich die gesamte Situation hier auf Lesbos ist. Ich berichte davon, wie das Feldlazarett nicht mehr betrieben werden kann, und nur einen Eintrag weiter schildere ich eine ereignisreiche Nacht genau in diesem Feldlazarett.

Humanitäre Krisen sind in der Regel sehr komplex und dynamisch. Es gibt eine Vielzahl an Akteuren, dafür aber eigentlich keinen Alltag. Vor Ort reagiert man auf die aktuellen Entwicklungen. Hier sind dies insbesondere die Anzahl an Flüchtlingen, die ankommen und das Wetter.

Es gibt keine klare politische Ebene. Die Internationale Gemeinschaft, Nationalinteressen, Lokalpolitik, Hilfsorganisationen, all dies sind Einflüsse, die versuchen, die humanitäre Krise irgendwie zu steuern. Aus dieser ganzen Gemengelage entsteht eine Situation, die mal mehr, mal weniger den wirklichen Bedürfnissen der Schutzsuchenden entspricht. In der Regel gilt aber, dass die Halbwertszeiten von Aussagen in humanitären Krisen recht kurz sind … und dies kommt auch in meinen Berichten zum Ausdruck.

Mit diesem Bericht versuche ich nun einen Überblick über die momentane Lage zu geben. Sollte euch beim Lesen etwas bekannt vorkommen, bitte ich dies zu entschuldigen. Bei diesen ganzen Entwicklungen weiß ich schon selbst nicht mehr, was schon beschrieben wurde und was nicht.

 

Auf jeden Fall finden im Moment ein paar Umbrüche seitens der Politik statt. Es wurden Schiffe der Küstenwache und des Militärs entsandt, welche die Flüchtlinge schon auf offener See retten und in den Hafen von Mytelini bringen. Von dort werden sie mit Bussen ins Camp Moria zur Registrierung gebracht. Nur noch wenige Boote werden nicht „abgefangen“ und kommen aus eigener Kraft an die Strände Lesbos’.

Jedoch hat die Inselregierung verlauten lassen, dass freiwillige Helfer nicht mehr an den Stränden tätig sein dürfen. Es soll nur noch mit bestimmten Hilfsorganisationen zusammen gearbeitet werden. Wie adäquat dies alles ist, weiß keiner. Und noch immer werden Strandabschnitte von Freiwilligeninitiativen betreut, da Hilfsorganisationen nicht vor Ort sind.

Das offizielle Lager in Moria wird nun noch stärker kontrolliert. Selbst Initiativen, die bisher Einlass hatten und bei der Lagerleitung registriert waren, haben nun Probleme, hineinzukommen. Auf der anderen Seite hatte ich ja geschrieben, dass uns FRONTEX aus dem Lager angerufen hatte, weil sie einen medizinischen Notfall hatten. Ärzte ohne Grenzen und Ärzte der Welt, die beide ihre Container nur wenige Meter weiter haben, waren im Feierabend.

Ich glaube, dieses Beispiel erklärt die aktuelle Lage recht gut. Von Seiten der Politik unternimmt man gerade große Anstrengungen, um die Situation in den Griff zu bekommen. Dies bedeutet striktere Kontrollstrukturen, aber auch eine größere Effizienz. Doch der politische Wille trifft allzu oft auf die Realität. Und trotz allen Wollens hat man da nicht die Ressourcen und Strukturen, die man bräuchte. Also greift man notgedrungen auf die Hilfe der Freiwilligen zurück.

Für die Freiwilligen und Initiativen bedeutet dies jedoch ein gewisses Stück Unsicherheit. Man hat das Gefühl, dass man geduldet wird, aber wie lange, dass weiß keiner. Auf Facebook und Co werden alle Änderungen in Echtzeit kommentiert. Es entstehen Mutmaßungen und Gerüchte. Doch auch immer wieder wird zur Ruhe und Vernunft aufgerufen.

Nichtsdestotrotz bleibt ein Stück Unsicherheit: Wie wird man die Freiwilligen behandeln, wenn erst einmal entsprechende Strukturen geschaffen wurden? Die Verlässlichkeit der Behörden würde ich als eher schlecht beschreiben. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass alle Freiwilligen sich registrieren müssen. Die dazu angekündigte Homepage gibt es immer noch nicht. Manche werden von der Inselregierung registriert, andere wieder weggeschickt. So ist es auch mir – mit dem Hinweis auf die Homepage – ergangen und ich bin immer noch nicht registriert. Auch die Verhaftung der Rettungsschwimmer hat nicht für großes Vertrauen gesorgt. Man muss sich bewusst sein, dass die Politik Instrumente zur Verfügung hat, um gegen Initiativen und Freiwillige vorzugehen. Ob und wann sie diese anwenden, ist jedoch nicht zu sagen.

In dieser unübersichtlichen Lage befindet sich auch das inoffizielle Lager und das Feldlazarett am Afghan Hill. Aus Angst, illegal Menschen zu behandeln, hatte man das Lazarett geschlossen. Flüchtlinge durften nur noch draußen behandelt werden – damit war jeder Mediziner für sein Handeln selbst verantwortlich. Nur allzu schnell hat man jedoch realisiert, dass dies völlig unrealistisch ist: Man kann unterkühlte Menschen nicht bei Schneeregen vor der Tür behandeln und Wunden lassen sich nicht hygienisch im Matsch versorgen …

Und einem Hilfesuchenden, der an die Tür klopft, einfach nicht zu öffnen, ist moralisch unmöglich.

Und schon am nächsten Tag ließ man Kranke und Verletzte wieder ins Lazarett. Zu Beginn untersuchte man sie noch drinnen und wenn sie vor der Tür waren, drückte man ihnen die Medikamente in die Hand. Doch ein bisschen Mut und auch Bequemlichkeit führen dazu, dass die Menschen nun wieder ganz normal im Lazarett behandelt werden. In meinem Einsatzkonzept habe ich die Idee des Sozialraums entwickelt. Damit ist unser Bettentrakt gemeint, indem wir nach wie vor keine Patienten stationär aufnehmen dürfen. Das macht ja auch durchaus Sinn an einem Ort, wo es ein funktionierendes Krankenhaus gibt. Doch das Krankenhaus in Mytelini nimmt längst nicht jeden Fall auf. Psychische Zusammenbrüche, leichte bis mittlere Unterkühlungen, Schmerzen aufgrund von langen Märschen und Schlafen auf harter Erde etc. werden dort ganz sicher nicht behandelt. Wir können jedoch einen Großteil der Fälle als soziale Notlage definieren und ihnen bei uns über Nacht ein Bett anbieten. Ja, und wenn wir dann mal Blutdruck messen, den Blutzucker bestimmen oder eine Tablette gegen Kopfschmerzen geben, dann ist das halt so.

Insbesondere neu angekommene Mediziner bitten mich nun gerne um Rat, wenn es darum geht, jemanden über Nacht dazubehalten. Es geht darum, nicht überzureagieren, aber auch nicht durch „illegale Medizin“ das gesamte inoffizielle Lager zu gefährden.

Zum Glück ist die Lage gerade sehr ruhig. Die Temperaturen sind wieder gefallen und das Wetter stürmisch – nur sehr wenige Flüchtlinge kommen zurzeit an. Seit Mittwoch, bis einschließlich morgen, streiken die Fähren und für die Flüchtlinge gibt es kein Wegkommen von der Insel zum Festland. Da dies angekündigt war, hat man dafür gesorgt, dass noch so viele wie möglich die Insel mit den letzten Fähren verlassen konnten.

Der viertägige Zwangsaufenthalt kommt manchen Flüchtlingen sogar zugute. Vor etwas mehr als einer Woche war es auf der Fluchtroute durch die Türkei wohl extrem kalt und wir sehen immer wieder schwerere Erfrierungen.

Das Krankenhaus weist jene zurück, bei denen Finger und Zehen mit guter Wundbehandlung gerettet werden können und behandelt die, die eine chirurgische Versorgung, sprich Amputation, benötigen … gottseidank ist dies die absolute Ausnahme. Im Feldlazarett haben wir durch den Zwangsaufenthalt der Flüchtlinge die Möglichkeit, ihre Erfrierungen besser zu behandeln.

So hatte ich einen Flüchtling aus Pakistan, dessen Finger zweit- bis drittgradig erfroren waren. Sie waren geschwollen, rotschwarz verfärbt, vereinzelt Blasen, aber auch abgestorbenes schwarzes Gewebe. Der Mann kam mit Schmerzen und Fieber zu uns. Ich reinigte vorsichtig seine Wunden und versorgte die Hände mit einem Antibiotikaverband. Zusätzlich bekam er noch Antibiotikatabletten, um eine Ausbreitung der Infektion zu verhindern. Zum Schluss zog ich ihm dicke Socken über beide Hände. Da er nun auf Hilfe angewiesen war, handelte es sich eindeutig um einen sozialen Fall und er verbringt nun die Nächte bei uns im Lazarett. Der Verband wird täglich gewechselt und seine Finger sehen schon viel besser aus. Er hat Gefühl in ihnen und kann sie bewegen. Vom abgestorbenen Gewebe wird er vielleicht ein paar Narben zurückbehalten, aber seine Hände werden wieder ganz normal arbeiten können. Gestern hat er sich, zusammen mit seinen Freunden, das Ticket für die Fähre am Montag geholt.

Wieder eine sehr erfreuliche Geschichte. Ich selbst merke aber, wie mich diese ganze Unsicherheit und die permanent wechselnde Lage mehr und mehr anstrengen. Einige der anderen Langzeitfreiwilligen nehmen gerade eine Auszeit oder verlassen Lesbos ganz. Auch hier vollzieht sich also ein Umbruch. Ich selbst merke, dass ich langsam aber sicher wieder zurück ins „normale Leben“ sollte.

Bis dahin gilt es noch einige Nachtschichten zu überstehen. Weiterhin versuche ich meine Kompetenz in die Strukturierung des Feldlazaretts einzubringen, so dass es eine gewisse Handlungssicherheit gibt. Nebenbei gebe ich nun ein Erste Hilfe Training mit dem Schwerpunkt auf Unterkühlung.

Langweilig ist es also ganz sicher nicht …

 

09.02.2016 – Camp Moria

 

Unterschiede

Die griechische Küstenwache versucht seit einigen Tagen, Flüchtlinge schon auf offener See abzufangen und sie an Bord zu nehmen. Anschließend geht die Fahrt in den Hafen von Mytelini, von wo sie mit dem Bus der Küstenwache in das Flüchtlingslager Moria gebracht werden. Die Flüchtlinge werden so früher gerettet, aber die Versorgung der Küstenwache ist eher minimal. Weder gibt es heiße Getränke, noch trockene Klamotten an Bord oder im Hafen.

Flüchtlingsboote, die nicht in diesem Rettungsgürtel abgefangen werden und an den Küsten Lesbos’ anlanden, werden von Freiwilligen vor Ort direkt mit heißen Getränken, Decken und oft auch trockenen Klamotten versorgt, bevor sie dann mit den Bussen des UNHCRs ins Lager gebracht werden.

Im Lager selbst halten die Busse nun meist direkt vor dem Eingang zum offiziellen Lager. Manchmal aber auch an der Straße zum inoffiziellen Teil. Davon, aber auch von ihrer Nationalität, der Uhrzeit, den diensthabenden Polizisten oder UNHCR-Menschen, hängt es ab, wo die Flüchtlinge das Lager zuerst kennenlernen bzw. wo und wie sie versorgt werden. Diese Unterschiede möchte ich versuchen, hier gegenüber zu stellen.


Ist der erste Anlaufpunkt das inoffizielle Lager, werden alle Flüchtlinge in das Küchenzelt gebracht. Dank Vorabinformationen über WhatsApp weiß man ungefähr wie es der Gruppe geht – sind sie nass, gibt es Verletzte, wie viele sind es überhaupt.

Freiwillige führen die Gruppe an, sorgen aber auch dafür, dass es keine Nachzügler gibt. Das Küchenzelt wurde schon mit Heizkanone und Gasöfen aufgewärmt. Heißer Tee, heiße Schokolade und Suppe stehen bereit und werden verteilt. Übersetzer informieren die Gruppe über das Lager und die weiteren Abläufe. Ab der Ankunft wird die Gruppe durch mindestens einen Mediziner begleitet. Manchmal müssen Personen direkt vom Bus in das Feldlazarett gebracht werden, wo sich weiter um sie gekümmert wird. Dann gibt es auch immer einen Freiwilligen, der dafür sorgt, dass Familien oder Freunde wieder zusammenfinden. Im Küchenzelt stehen wir dann bereit – meist sind es kleinere Sachen, wie Erschöpfungszustände, leichte Unterkühlungen, Übelkeit und frische Wunden. Vieles kann vor Ort versorgt werden, doch manche müssen auch ins Lazarett gebracht werden.

Hat die Gruppe sich ein wenig aufgewärmt, Essen und warme Getränke bekommen, geleitet man sie zur Kleiderkammer, wo sie trockene Klamotten erhalten und sich in Männer- und Frauenzelten umkleiden können. Wer fertig ist, wird wieder ins Küchenzelt gebracht. Innerhalb einer Stunde ist so eine komplette Gruppe von Flüchtlingen versorgt.

Man merkt buchstäblich, wie dieses geordnete und fürsorglich begleitete Verfahren ihnen eine große Last von den Schultern nimmt. Mütter wechseln schwatzend und lachend im Küchenzelt die Windeln, man unterhält sich, trocknet nasse Klamotten vor den Öfen und bekommt seine Fragen beantwortet. Anschließend begleiten die Freiwilligen die Gruppe zur Registrierung. Das UNHCR bzw. Organisationen im offiziellen Lager werden über besonders gefährdete Flüchtlinge informiert. Je nachdem wie die Lage bei der Registrierung ist, werden sie gesondert in die Schutzstelle gebracht, von wo sie in einem gesonderten Schnellverfahren registriert werden. Kaum sind die Flüchtlinge aus dem Küchenzelt, beginnt das Aufräumen bzw. Vorbereiten für den nächsten Bus mit Flüchtlingen.

 

Anders sieht es aus, wenn die Flüchtlinge direkt am offiziellen Lager ausgeladen werden bzw. direkt dort aufgenommen werden. Dann stehen sie erst einmal vor der Schranke in einer Reihe – es spielt dabei keine Rolle, wie das Wetter ist, oder ob sie nass und unterkühlt sind. Ein Mensch vom UNHCR ist vor Ort, sowie ein paar wenige Freiwillige von Organisationen im Lager.

In der Regel gibt es keine Übersetzer, und Decken werden erst gebracht, wenn man sieht, dass es den Ankommenden schlecht geht. Insbesondere nachts ist dies aber Glückssache, da die Kleiderkammer im offiziellen Lager geschlossen ist und die Lagerräume der einzelnen Organisationen nicht immer gut bestückt sind.

Solange die Flüchtlinge vor der Schranke zum offiziellen Lager stehen, werden sie auch von den „inoffiziellen“ Freiwilligen betreut. Autos werden als mobile Lager genutzt, um daraus Decken zu verteilen. Übersetzer versuchen, notwendige Informationen zu geben. Auch ein Mediziner ist oft vor Ort, um Hilfe leisten zu können, wo sie gebraucht wird.

Einzeln, nacheinander müssen die Flüchtlinge nun einen Polizisten passieren, der ihnen ein Ticket mit ihrem Ankunftsdatum in die Hand drückt – dieses Ticket bestimmt, wann sie sich registrieren lassen können.

Endlich im offiziellen Lager, stellt man sich entweder direkt zur Registrierung an oder ist sich selbst überlassen, um einen Schlafplatz, trockene Klamotten, Essen und Getränke zu finden. Freiwillige, die für die großen Organisationen arbeiten, helfen dabei so gut es geht.

Doch wie gesagt, die Kleiderkammer ist nachts nicht geöffnet, das Teezelt des UNHCRs ist ein einziges Provisorium und der Tee oft viel zu schnell aus. Hinzu kommt, dass die griechische Polizei sehr dominant ist. Durch viel Geschrei wird eher Angst erzeugt, als das man ein geordnetes Verfahren erreicht.

In meiner letzten Nachtschicht stand ich als Mediziner am Eingang vom offiziellen Lager, da die Nachricht eingegangen war, dass viele Flüchtlinge nass seien. Einen ersten Eindruck erhält man, wenn man sich den Boden anschaut – dann sieht man nur allzu oft die nassen Abdrücke von Schuhe oder Socken und man weiß, dass es ganz bestimmt ein paar unterkühlte Flüchtlinge gibt.

Diesmal stand in der Reihe vor dem Polizisten, der die Tickets verteilte, eine Familie, denen das Wasser förmlich aus den Hosenbeinen rann. Es war 5 Uhr morgens und die Autoscheiben waren gefroren. Der Vater trug einen Jungen, der schlaff über seiner Schulter hing. Ich fasste in seinen Ärmel, seine Finger waren eiskalt. Seine Kleidung von oben bis unten nass. Die Mutter erklärte mir, dass ihr Sohn geistig behindert sei. Dies bedeutet, dass man davon ausgehen muss, dass er seinen körperlichen Zustand evtl. anders wahrnimmt bzw. sich nicht wirklich mitteilen kann. Dies alles veranlasste mich zur Annahme eines potentiell lebensbedrohlichen Zustandes.

So etwas zu erkennen, ist eigentlich die Aufgabe des UNHCRs, doch der Mitarbeiter stand bei den Polizisten und achtete darauf, dass alles seinen geordneten Gang ging. Ich schnappte mir die Familie und sprach ihn an. Die Familie musste sofort ins Lager und dort in einen warmen Raum. Wir brauchten Decken und trockene Kleidung. Er hatte ein Einsehen und ließ uns durch. Doch die Polizei bestimmte, dass nur Vater, Mutter und der Sohn rein durften. Der Rest der Familie, die Großeltern und Geschwistern der Eltern, mussten weiter anstehen. Obwohl man eine Familie niemals auseinanderreißen soll, hatte nun der Sohn Priorität. Zumal es direkt am Eingang des Lagers weder Aufwärmmöglichkeiten noch Decken gibt. Der Vater war erschöpft und so warf ich mir den Jungen über die Schulter. Nun hieß es 200m durch das Lager bergauf zu den Schutzräumen, die geheizt sind. Dort gingen wir in den erstbesten aufgeheizten Raum. Der Junge wurde ausgezogen. Arme und Beine waren nass und kalt, der Körper hatte schon den Blutkreislauf zentralisiert, um so die wichtigen Organe vor der Kälte zu schützen. Er zitterte nicht mehr, was auf eine zweitgradige Unterkühlung hinwies – dies kann man durchaus schon als lebensbedrohlich werten. Wir wickelten ihn in Decken und einen Schlafsack ein und drehten ihn auf die Seite.

Eine halbe Stunde später kam er zu sich, schaute sich um und begann sich zu beugen und zu strecken. Seine Eltern erklärten, dass dies Teil seiner Behinderung sei. Normalerweise sind Unterkühlte ab dem zweiten Stadium ruhig zu stellen, doch das war hier nicht möglich. Durch das extreme Beugen und Strecken hoffte ich, dass die Muskeln auch in kurzer Zeit genügend Wärme produzieren würden. Ich ging nach draußen, um einen Freiwilligen oder jemand vom UNHCR zu finden. Die Familie musste wieder zusammengebracht werden, doch egal wen ich ansprach, erntete ich nur Schulterzucken. Keiner hatte eine Ahnung, wie das Verfahren im offiziellen Lager war und wo der Rest der Familie nun sein könnte.

Letztendlich fand ich eine österreichische Krankenschwester und den Mann vom UNHCR, mit dem ich schon an der Schranke gesprochen hatte. Ich erklärte ihnen den Fall. Die Krankenschwester schnappte sich den Vater und machte sich auf die Suche nach der Restfamilie. Ich schnappte mir den Notfallrucksack und ging zurück ins Feldlazarett.

 

Mittlerweile war es kurz nach acht und das Tagteam schon bei der Arbeit. Die Übergabe hatte bereits stattgefunden und ich konnte mich auf den Heimweg machen.

Unterwegs kamen mir die Autos von Ärzte ohne Grenzen und Ärzte der Welt entgegen. Obwohl gerade in den frühen Morgenstunden Flüchtlinge ankommen und es bei der Aufnahme und im Lager dringend Mediziner bräuchte, fängt man hier erst um 9 Uhr an … und noch ein Unterschied, der wütend macht.

 

10.02.2016 – Panagiouda

 

Wahrheiten

Die Füchtlingskrise hier auf Lesbos ist längst Alltag … nicht nur auf See, an den Stränden und im Flüchtlingslager. Es haben sich Routinen entwickelt, wie alles und jeder mit der Krise umgeht. So sind Wahrheiten entstanden, deren man mal mehr, mal weniger Teil ist – ob es einem gefällt oder nicht.

Von ein paar dieser eingebildeten Wahrheiten habe ich schon berichtet. Ich habe euch erzählt, dass es nachts keine medizinische Versorgung im offiziellen Lager gibt. Die Leute, die das entscheiden, sind nachts selbst nicht anwesend, und sie sehen nicht all die Fälle, die wir nachts behandeln. Aber sie wissen, dass Lesbos nicht das "verdammte Afrika" ist und es deshalb nachts auch keine medizinische Versorgung braucht.

 

Eine andere Wahrheit erlebt man immer öfter gerade in der Kleiderkammer: Flüchtlinge stehen nass am Eingang und warten auf ihre Klamotten. Man bringt ihnen eine blaue Jeans und bekommt zur Antwort: "Blau möchte ich nicht. Geben Sie mir eine braune Jeans!". Es wurden schon heftige Diskussionen geführt und manch Freiwilliger ist frustriert nach Hause gegangen. Doch die Erklärung ist ganz einfach: Für die Überfahrt von der Türkei nach Lesbos zahlen die Flüchtlinge im Schnitt 800 Euro und mehr. Dafür verspricht man ihnen in der Türkei ein All-inclusive-Paket. Transfer vom Strand ins Flüchtlingslager, freie Unterkunft und Verpflegung, Kleidung nach Wahl und eine kostenlose medizinische Versorgung. So werden auch wir Teil dieser riesigen Gelddruckmaschine.

 

Im Flüchtlingslager selbst gibt es jeden Tag eine neue Wahrheit. Aktuell soll das Camp, inklusive des inoffiziellen Teils vom Militär übernommen werden. Sehr oft schon haben sich all diese Gerüchte nach kurzer Zeit als falsch erwiesen. Im offiziellen Lager hingegen ist man jedoch mehr und mehr der Meinung, dass man die inoffizielle Seite nicht braucht. Alle Busse sollen nun direkt durchfahren, man wird die Leute schon versorgt bekommen. Wie unterschiedlich dabei die Bedürfnisse der Flüchtlinge definiert werden, kann man in meinem vorigen Bericht sehen. Wenn es nicht so zum Heulen wäre, könnte man fast lachen.

 

Doch in meiner vorletzten Nachtschicht habe ich eine Wahrheit erfahren, die nur stumpfes Entsetzen in mir zurück gelassen hat. Es kamen ein Mann und eine Frau aus Syrien zu uns, da die Frau Atembeschwerden hatte. Man konnte beiden ihre Frohnatur und Fröhlichkeit förmlich ansehen – es waren Menschen wie Du und ich.

Während unser Doktor David die Frau behandelt, stand ich mit dem Mann und einer Dolmetscherin unter dem Heizpilz im Untersuchungsraum. Ich beobachtete, wie sich die beiden auf Arabisch unterhielten. Es war eine normale Unterhaltung, die ganz plötzlich umschlug. Das Gesicht des Mannes verfinsterte sich und unter Tränen sprach er weiter. Und auch das Gesicht der Dolmetscherin nahm andere Züge an. Unsere Dolmetscher haben mit den härtesten Job. Da sie verstehen können, bekommen sie oft Dinge zu hören, die niemals an unsere Ohren dringen – sie müssen unwahrscheinlich viel aushalten und ich habe einen riesen Respekt vor ihrer Arbeit! Doch noch nie hatte ich erlebt, wie sich ein Gespräch so dramatisch entwickelte. Die Augen der Dolmetscherin waren weit, Tränen liefen ihr über die Wangen, ihr Mund war geöffnet. Man konnte sehen, wie sich ihr Brustkorb schwer und unregelmäßig hob – es fiel ihr ganz und gar nicht leicht Atem zu holen. Auch David hatte es beobachtet. Er saß neben der Frau auf dem Bett und hörte auf, ihr die Benutzung des Asthmasprays zu erklären. Die Frau war in sich gesunken und hatte die Augen zusammengepresst. Es war ein unglaublich intensiver Moment, in dem eine Wahrheit im Raum lag, die wir nicht verstanden, aber spüren konnten.

Dieser Moment war nur von kurzer Dauer. Der Mann rang um Fassung, und ich spürte, dass es besser war, nicht nachzufragen. David beendete seine Erklärung, dann verließen die beiden das Medizinerzelt – gestützt, Arm in Arm. Wir setzten uns hin und die Dolmetscherin begann zu erzählen. Von der Fahrt der beiden im Schlauchboot über das Mittelmeer. Sie seien von der türkischen Küstenwache aufgebracht worden, die versuchte, mit Messern an langen Stöcken Löcher ins Boot zu stechen. Die Menschen hatten mit Brieftaschen und Geldscheinen gewunken, damit sie aufhörten. Irgendwie war es dem Boot gelungen, unbeschadet zu entkommen …

Auch an anderen Stellen im Camp berichteten Flüchtlinge von dem Zwischenfall. Und davon, dass weitere Boote zerstört worden waren. In der Tat waren an diesem Tag zwei Flüchtlingsboote gesunken. Diese Unglücke hatten über 30 Tote gefordert.

Ich hatte schon zuvor Berichte von geenterten Flüchtlingsbooten gehört, denen man die Benzinleitung durchschnitt, die man mit Wasserkanonen beschoss oder durch Umkreisen versuchte, zum Kentern zu bringen. Viele Wahrheiten machen auf Lesbos die Runde und erweisen sich schon am nächsten Tag als unwahr oder versickern in neuen Wahrheiten – auch hier ist nichts so alt, wie die Zeitung von gestern.

Doch noch niemals hatte ich eine solche Geschichte direkt von einem gehört, der sie miterleben musste. Und auch wenn ich es nicht verstand, so bin ich doch davon überzeugt, dass dieser Mann sie nicht erfunden hatte. Vielleicht ist nicht alles richtig, wurde falsch wahrgenommen. Doch wenn man ein wenig im Internet sucht, findet man mehrere Hinweise, dass dieses Vorkommnis kein Einzelfall war. Und wenn auch nur ein kleiner Teil wahr sein sollte, dann finden sie in einem Rahmen statt, in dem deutsche Politik einen Einfluss hat und in dem deutsche Beamte und Polizisten in Missionen beteiligt sind.
 

Hier nicht Aufklärung zu fordern, ist für mich moralisch nicht zu verantworten. Aus diesem Grund habe ich heute bei der Bundesanwaltschaft eine Anzeige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach dem Völkerstrafgesetzbuch gestellt. Und ich wünsche mir, dass es einen politischen Willen gibt, diesen Hinweisen nachzugehen – diesmal will ich die wirkliche Wahrheit wissen!

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Panagiouda – 19.02.2016

 

Denn wir wissen nicht, was wir tun …

… dies ist für mich der Satz, der jetzt zum Schluss am besten passt. In 26 Episoden habe ich vom Leben und Arbeiten hier auf Lesbos berichtet. Es waren gute, fragwürdige und auch schlechte Erlebnisse mit dabei. Jeder Tag war anders, es gab kaum Kontinuität oder Verlässlichkeit. Deshalb habe ich mir für meine Gesamtbewertung – im Gegensatz zu den anderen Berichten, die ich oft schnell runter geschrieben habe – einige Tage Zeit genommen. Ich habe mir die Fragen gestellt, was ich hier bewirkt habe und ob es richtig war herzukommen. In einigen Emails haben Freunde mir geholfen, meine Gedanken zu diesen Fragen zu ordnen – dafür ein ganz herzliches Dankeschön!


Die Frage nach meinem direkten Wirken ist recht einfach zu beantworten. Ich konnte hier, als Teil eines Teams, vielen Menschen helfen. Als Rettungsassistent habe ich Notfälle betreut, Leiden gelindert und gesundheitliche Schäden minimiert. In einem Fall war es mir sogar möglich, ein Leben zu retten. Unter den widrigen Umständen hier, wo die Grenze zwischen professionellem Handeln und als Mensch-da-sein verschwimmt, sind dies Erfahrungen, für die ich sehr dankbar bin. Als Sozialarbeiter, Politikwissenschaftler und 'Handwerker' konnte ich dazu beitragen, ein Feldlazarett mit aufzubauen, effizienter zu machen und ihm Struktur zu geben.

 

Wenn ich dies betrachte, dann war es richtig, hier her zu kommen. Nichtsdestotrotz ist es für mich auch wichtig, mein Handeln in Frage zu stellen. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich von einem kleinen Erlebnis berichten, dass nicht direkt mit der Flüchtlingskrise zu tun hat: Letzte Woche saß ich in der Haltestelle am Hafen von Mytelini und wartete auf den Bus. Ich beobachtete einen kleinen Zigeunerjungen, der die vorübergehenden Freiwilligen anbettelte. Manche gaben ihm etwas und fast jeder, der ihm etwas gab, machte anschließend ein Selfie mit ihm oder fotografierte das Kind vor dem Hafenpanorama.

Für mich ist dies eine kapitalistische Verwertungslogik. Im Kapitalismus geht es darum, aus möglichst allem einen Gewinn zu ziehen. Und diese Fotos sagen doch aus "Seht, wie gut es mir geht. Und ich bin ein guter Mensch, denn ich bin hier, um zu helfen". Der Junge wurde damit zum Statisten gemacht – es geht nicht (nur) um seine Not, sondern um die eigenen Bedürfnisse, den persönlichen Gewinn. Es ist ein Bild, das für vieles auf Lesbos stehen kann.

Auch bei uns im Lazarett gibt es genügend Beispiele. Hier kommt man z.B. nicht der Verantwortung nach, die man gegenüber den Spendern hat. Um es deutlich zu machen, wähle ich das Blutdruckmessgerät. Wir haben Dutzende digitale Messgeräte. Der Puls wird über einen Sensor erfasst, weswegen die Manschette möglichst auf der nackten Haut liegen sollte. Doch die Flüchtlinge haben oft soviele Lagen Klamotten an, dass dies nicht möglich ist. Oder sie zittern vor Kälte, was den Sensor ebenfalls beeinträchtigt. Die Geräte verbrauchen Batterien, die hier im normalen Hausmüll landen und sie gehen schnell kaputt, wenn sie herunterfallen. Für ein digitales könnte man bestimmt drei manuelle Blutdruckmessgeräte anschaffen. Der Kapitalismus hat uns bequem gemacht, denn für jedes Problem gibt es scheinbar eine kaufbare Lösung. Die Logik dahinter ist 'Kauf dich glücklich' anstatt 'Zurücktreten und mal nachdenken'. Wir passen somit die Welt unseren Bedürfnissen an, anstatt unser Verhalten den Notwendigkeiten der Welt.

 

Es sind nur zwei kleine Beispiele, die ich um zahlreiche weitere ergänzen könnte. Ich möchte damit aber deutlich machen, dass es auch hier auf Lesbos genau die Logiken gibt, welche die Welt in die jetzige Situation gebracht haben – Umweltzerstörungen und Kriege führen zu Flüchtlingswellen. Doch es ist unser Handeln, das zu diesen Verwürfnissen führt. Und unser Handeln ist durch unser Denken bestimmt. Wenn wir also die Welt wirklich ändern wollen, dann müssen wir bei uns anfangen. Wir müssen unser Denken ändern. Wenn wir das nicht tun, verharren wir in alten Mustern und stützen das Logik-System, das von der Zerstörung der Welt (zumindest kurzfristig) profitiert.


Indem ich hierher gekommen bin, habe auch ich mich zu einem Teil dieses Systems gemacht. "Der Zweck heiligt die Mittel", ist wohl ein treffendes Sprichwort. Ich habe versucht, eine Balance zu finden, zwischen diesen Mitteln und meiner kritischen Haltung dazu. Ich habe beispielsweise immer wieder die Nachteile von digitalen Blutdruckmessgeräten erklärt. Ich habe mit Freiwilligen geredet und versucht, unserem Wirken hier eine Motivation jenseits dieser zerstörerischen Logiken zu geben. So habe ich eine Wirkung auf andere gehabt, die ich positiv sehe. Aus dieser Perspektive war es richtig und wichtig herzukommen.

Immer aber haben auch andere und die allgemeine Situation einen Einfluss auf mich. Diesen Einfluss würde ich als Instrumentalisierung bezeichnen. Wieweit ich mich instrumentalisieren lasse, macht für mich den Unterschied aus, ob es richtig oder falsch ist, hierher zu kommen.

 

Im Moment ist eine deutliche Änderung auf Lesbos spürbar. Angeblich warten auf türkischer Seite bis zu einer Millionen Menschen auf ihre Überfahrt und niemals, seit ich angekommen bin, war das Wetter besser für eine Überfahrt. Kamen bei schlechteren Bedingungen im Dezember noch teilweise bis zu 3.000 Menschen pro Tag, liegen die täglichen Zahlen nun im ein- bis zwei-, manchmal dreistelligen Bereich. Warum dies so ist, weiß keiner – oder weiß man nur in den politischen Hinterzimmern. Auf Lesbos gibt es nun immer mehr Militär und das Flüchtlingslager spaltet sich weiter auf. Laut den Organisationen im offiziellen Camp kann man gut auf den inoffiziellen Teil verzichten. Und doch springt die Kleiderkammer hier ein, wenn drüben die Klamotten und Decken knapp werden. Oder man ruft uns nachts im Feldlazarett an, weil es dort keinen Arzt für den medizinischen Notfall gibt.

Ich verstehe immer weniger die Politik, die hier betrieben wird, und die bewusst intransparent ist. Damit kann ich gar nicht wissen, inwieweit ich von dieser Politik instrumentalisiert werde. Der Status der Duldung wird jedoch immer mehr deutlicher – noch ist ein neues Lager nicht fertiggestellt. Dieses Lager soll vom Militär betrieben werden und 15.000 Flüchtlinge aufnehmen können. Es geht nicht darum, adäquat auf die Bedürfnisse dieser Menschen einzugehen oder um ihre Menschenrechte. Es geht um Kontrolle. Und solange man diese Strukturen noch nicht geschaffen hat, lässt man uns gewähren. Das inoffizielle Camp ist nur noch ein Lückenfüller, seine Räumung wahrscheinlich schon in Hinterzimmern beschlossen.

 

Es sind diese zwei Gründe, die mir den Abschied leicht machen: Unsere eigene Bequemlichkeit, die wir kaum durchbrechen können und die uns an die kapitalistische Logik bindet. Damit bekämpfen wir Symptome, aber keine Ursachen. Und zum zweiten, die politische Lage auf Lesbos. Bereits jetzt ist für mich ein Grad der Instrumentalisierung erreicht, den ich mit meinen moralischen Vorstellungen nicht mehr vertreten kann.

Es war gut hier zu sein, aber jetzt ist es auch gut, den Rucksack wieder zu packen.

 

Ich möchte mich zum Abschluss ganz herzlich bei euch bedanken. Für eure Spenden, die guten Gedanken und Worte. In einer permanenten Ausnahmesituation leben und arbeiten kostet Kraft – dabei um Unterstützung zu wissen tut gut und gibt wieder neue Energie.